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Es war eine Reise nach meinem derzeitigen Geschmack. Eine Reise, bei der ich jeden Kilometer spüren konnte. Nicht einfach, sondern interessant, gepaart mit der Empfindung der Zeit, was bei Reisen heutzutage oft verloren geht, wenn man in ein Flugzeug einsteigt und ohne Vorbereitung einige Stunden später mehrere Kulturräume einfach überflogen hat.

Ich stieg um kurz vor 17 Uhr des Vortages in den Bus ein. Ein wenig komisch war es schon, denn das letzte Mal, dass ich etwas derartiges erlebt hatte, war während meines Studiums gewesen. Es ist ein gutes Gefühl, eines mit ruhigem Gewissen, denn was ich damals mochte, mochte ich jetzt, Jahrzehnte später, wieder. Dabei hatte ich noch Glück, weil sich niemand neben mich setzte. Eine Nacht mit etwas mehr Bewegungsfreiheit ist nicht zu unterschätzen. Trotzdem ist das Schlafen schwierig. Ich nickte immer wieder ein, aber ich glaube nicht, dass ich jemals eine Phase des Tiefschlafs erreichte. Vorher passierten wir Städte wie Heidelberg und Karlsruhe, an Straßburg ging es vorbei. Dann tauchte gegen zwanzig Uhr das Elsass auf. Ich entdeckte die Haute Königsburg und Ribeauville. Schöne Erinnerungen kamen hoch. Hierher hätte ich auch fahren können. Einen Augenblick lang vermisste ich das Wohnmobil, dachte dann aber an meine bevorstehende Reise. Es ist gut, wie es ist.

Vielleicht war es Schicksal, aber wir machten gegen vier eine Pause an einer Raststätte in der Nähe von Avignon. Lange hatten sich Perpignan und die ehemalige Stadt der Päpste um meine Gunst gestritten, bis erstere sich durchgesetzt hatte. Trotzdem war es lustig, hier zu sein. Ich bin mir sicher, dass ich nicht mehr lange warten muss, um es wieder zu sehen.

Um Punkt sieben warf mich der Busfahrer in Perpignan aus seinem Gefährt. Ich war der Einzige, der ausstieg, alle anderen fuhren weiter nach Barcelona. Der Morgen war kühl, die nicht fernen Pyrenäen trugen Schnee. Das war es jetzt also. Mein Urlaub hat wirklich begonnen.

Den Campingplatz erreichte ich einige Minuten später. Niemand war da, um mich zu begrüßen, also baute ich mein Zelt auf und holte etwas Schlaf nach, bevor ich um zehn einchecken konnte.

Perpignan, du wundervolle Mischung aus Frankreich, Spanien und Marokko, du exotisch westliche. Eine heitere Stimmung herrschte in den Gassen der alten Stadt, die ich an diesem Tag mit anderen Augen sah als vor ungefähr vier Jahren, als ich das erste Mal hier gewesen war. Ich erkannte die alten Stätten wieder, vorbei am machtvollen Stadttor, sah ich kurz dahinter die Loge de la Mer, ein ehrwürdiger gotischer Bau aus nacktem Stein, der aus der sonst mittelalterlichen, etwas einfachen, aber farbigen Architektur hervorsticht. Daneben das alte Rathaus und noch ein Bau, dessen Funktion ich mir nicht gemerkt habe. Mir war danach, einfach durch die Stadt zu schlendern.

So erreichte ich einen herrlichen Platz, der sich wunderbar zur Kathedrale hin öffnet. Der Ort war fast menschenleer, was seltsam anmutete, denn es war Mittagszeit. Es war der Platz der ehemaligen Weber. Ich kann mich an einen Olivenbaum vor einem Brunnen erinnern. Wahrscheinlich das Urbild des Südens, heiter, sonnig, still und kraftvoll. Die Kathedrale besichtigte ich danach, auch wenn mir die Faszination mit Gotteshäusern verloren gegangen zu sein scheint. Ein Gutes hatte der Besuch. Ich konnte meine neue Kamera ausprobieren, die es auch im Dunkeln zu guten Aufnahmen bringt. Erstaunlich, wie sich die Technik in den letzten Jahren verändert hat. Ein Grabmal, das nur von einer Kerze beleuchtet wurde, konnte ich fotografieren. Natürlich weiß ich erst in Berlin, ob wirklich etwas daraus geworden ist. Daneben befindet sich ein ehemaliges Klostergelände, ein weiter Platz mit großartigem Flair. Hier besichtigte ich eine Ausstellung mit dem Motto: Toleranz. Dafür waren in der Mitte einige sehr seltsame Statuen errichtet, die ich allerdings nicht verstanden habe. Trotzdem bringen mich Orte wie diese immer zum Nachdenken. Toleranz ist eine Eigenschaft, die im Grunde kaum einer von uns wirklich sein Eigen nennen darf. Es ist eine der un-menschlichsten Eigenschaften, weil wir Menschen dazu kaum in der Lage erscheinen. Andersartigkeit wird immer verfolgt, auf die eine oder andere Art und Weise. Es muss nicht immer Gefängnis sein, auch Vorteile gegenüber den „Normalen“, wie in Deutschland zum Beispiel durch die Begünstigungen von Verheirateten gegenüber unverheirateten Paaren zeugen von Intoleranz gegenüber einer anderen Lebensweise und der Bevorzugung der eigenen. Etwas wird als besser herausgestellt, weil man eben der Auffassung ist, dass die eigene Einstellung besser ist. Mir begegnen am Tag Dutzende solcher Fälle, meist nur kleine Gesten, Zeichen, die mir mitteilen, dass andere meine Lebensweise und Meinungen nicht gut heißen. Aber auch ich bin nicht viel anders. Schon in dem Augenblick, in dem man sich selbst für das Non-Plus-Ultra hält, ist man intolerant. Ich denke, dass jeder das Gefühl kennt. Deshalb zeigt es doch, dass man gar nicht genug Ausstellungen haben kann, die sich damit beschäftigen.

Nach diesen etwas schweren Gedanken schlenderte ich recht ziellos durch die Gassen, verlor mich in Vierteln, in denen die arabische Bevölkerung wohnt, was man sofort merkt, denn diese Teile der Stadt waren nicht für Touristen aufgehübscht und die Müllabfuhr kommt auch nicht so oft vorbei. Es ist immer dasselbe. In meiner Heimatstadt erlebe ich das auch.

Irgendwann fand ich mich in der Altstadt wieder, durchschritt sie nochmals, bevor ich die Nacht im Bus zu spüren begann. Es war an der Zeit, mich ein wenig auszuruhen, also ging ich zurück zum Platz. Noch war ich nicht völlig fertig mit dem „Sightseeing“, denn ich kam auf dem Weg zum Bahnhof durch eine prächtige Straße, die ich auf dem Weg zur Stadt vorhin aus Versehen vermieden hatte. Dazu muss ich sagen, dass sich in ganz Perpignan Schilder befinden, viersprachig, zumindest englisch ist dabei, aber auch das Französische verstehe ich immer besser. In dieser Straße zum Bahnhof haben sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Reichen der Gegend ihre Häuser gebaut. Prächtige Bauten, die im Glamour der Kebabbuden ein wenig in den Hintergrund treten. Schade eigentlich. Es lohnt sich trotzdem, sich die Straße anzusehen. Ein Gebäude war besonders prächtig, erinnerte eher an ein kleines Schloss. Das Haus stand zum Verkauf, sah auch so aus, als ob es ein wenig Liebe und Zuneigung benötigte. Manchmal kommt mir in solchen Situationen die Idee, vielleicht doch eines Tages einmal woanders leben und schreiben zu können. Im Augenblick, mit vielleicht 20 verkauften Exemplaren meiner Bücher, bleibt dieser Traum das, was er ist: ein Traum.

Gegen Abend erlebte ich dann wieder etwas Merkwürdiges. Mir war etwas langweilig. Zu müde zum Lesen, zu aufgekratzt, um auszuruhen, wusste ich nicht recht, was ich tun sollte. So etwas kenne ich sonst nicht. Fernsehen konnte ich nicht, da der Akku meines Netbooks leer war, so also stiefelte ich ziellos durch einige Straßen Perpignans, die außerhalb des Zentrums nicht gerade hübsch sind, bevor ich die Sinnlosigkeit meines Tuns verstand. Ich merke, dass ich diesen Urlaub brauchen werde, um mich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Stille in der Umgebung und im Kopf muss ich wieder ertragen lernen. Da war ich schon einmal weiter. Dieser Aufgabe werde ich mich in den nächsten Tagen stellen.

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