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Meine Güte, ist das kalt. Nachts wachte ich bibbernd auf. Mein leichter Schlafsack hat leider auch die unangenehme Eigenschaft, nicht besonders warm zu sein. Ich zog Jeans und Winterfleece an, aber wenn man erst einmal ausgekühlt ist, wird es schwierig, wieder warm zu werden. In jedem Fall erwachte ich erst gegen neun, elf Stunden, nachdem ich mich hingelegt hatte. Dass das keine besonders gesunde Angelegenheit ist, kann sich jeder vorstellen.

In jedem Fall musste ich mich ein wenig beeilen, um den 11-Uhr-Bus nach Céret zu bekommen. Geschrieben hatte ich auch noch nicht, was mich ärgerte. Einen Augenblick war ich versucht, gar nicht erst zu probieren, dieses Journal zu führen. Es gibt wenige gute Gründe, es nicht zu tun, Faulheit zum Beispiel. Aber auch sehr gute, es zu machen. Eigentlich ist es nicht schwer. Eine Stunde am Tag kann ich mich daran erfreuen zu schreiben, die verbummle ich sonst sowieso nur.

Der Bus nach Céret kam pünktlich. Einen sagenhaften Euro kostet die Fahrt. Warum geht so etwas eigentlich nicht irgendwo anders? Es ist nun wirklich nicht notwendig, bei so einem Service ein eigenes Auto zu besitzen. Auch konnte ich mich gemütlich durch die Gegend spazieren fahren lassen, die Berge und Dörfer in Ruhe ansehen, ohne auf den Verkehr achten zu müssen. Autofahren wird überschätzt.

Eine kurze Episode möchte ich erzählen.

Als ich mich im Bus setzen wollte, sah ich, dass jemand ein Smartphone dort vergessen hat. Ich nahm es und brachte es dem Fahrer, ohne lange darüber nachzudenken. Trotzdem machte mich diese kurze Erfahrung nachdenklich. War das eine gute Tat? Nach einigem Nachdenken kam ich darauf, dass es keine war. Es war eine Selbstverständliche, nichts, wofür man sich feiern lassen sollte. Jedenfalls hoffe ich, dass der Besitzer seinen Mini-PC bald wiederbekommt. Ich jedenfalls wäre in heller Aufregung, hätte ich etwas derartiges irgendwo verbummelt.

Céret ist ein wundervolles kleines Bergdorf mit interessanter künstlerischer Geschichte. Bevor ich mich jedoch dem Museum d’arte moderne widmete, wanderte ich durch die Gassen. Das Kulinarische und Künstlerische steht hier ohne Frage im Vordergrund. Restaurants, Cafés und Ateliers bestimmen das Bild. Es ist angenehm. Die kleine Stadt selbst hat auch so eine Menge Flair, prächtige Plätze eingerahmt von verwitterten, aber restaurierten Gebäuden. Überall hingen Flaggen, die Kirschen zeigen, die Spezialität der Region. Am 31.05. findet das Kirchfest statt. Ich werde nicht da sein, aber mich mal im Internet erkundigen, wie es war. Ich habe gelesen, dass Céret so berühmt ist für seine Kirschen, dass der erste Korb mit Früchten an den französischen Präsidenten geschickt wird. Ein beneidenswertes Privileg und ein guter Grund, dieses Amt anzustreben. Vielleicht der Einzige.

Céret allerdings ist deshalb berühmt, weil hier vor Hundert Jahren einige der namhaftesten Künstler für kurze Zeit arbeiteten, unter anderem Chagall, Picasso und Miro, neben anderen, die heute etwas weniger bekannt sind. Ist moderne Kunst nicht unbedingt für mich gemacht, wollte ich trotzdem das Museum ansehen. Die obere Etage feierte den Kubismus in der heutigen Form, meist in Pixeln auf gewaltigen Bildschirmen. Besonders faszinierte mich dabei eine Leinwand, auf der aus Quadraten entworfene Blumen wuchsen, sich ständig veränderten. Das Einzigartige: Sobald man an das Werk herantrat und der eigene Schatten auf der Wand erschien, begannen diese Blumen sich zu einem zu wenden, zu wachsen und zu verändern. Ich konnte mich kaum losreißen. Meine Bewegungen begründeten ohne mein weiteres Zutun dieses Kunstwerk, das so nicht noch einmal entstehen wird. Zufällig, ohne Vorhersehung, wurden meine Aktionen auf diese Weise zu etwas, das ich kaum beeinflussen konnte. Ein bisschen so wie das Leben, in dem ja Kontrolle eine pure Illusion ist.

Auch die ganz Großen haben hier Werke hinterlassen. Ich hatte fast vergessen, was für ein kraftvoller und gleichzeitig geheimnisvoller Maler Marc Chagall gewesen ist. Nur zwei Bilder sind zu sehen, beide voller Stärke und Ausdruckskraft, Les Gens de Voyage, das bunt und farbenfroh ist und Hunderte Details enthält, und eines über den Krieg, voller rotem Blut und dunkler Atmosphäre, in dem aber auch gelächelt wird. Vielleicht ist es ein Zeichen, dass es selbst in düstersten Zeiten so etwas wie Liebe und Glück geben kann. Unsere Generation in diesen Sphären kennt diese Zeiten zum Glück nicht. Ich kann dafür nicht dankbar genug sein, auch wenn ich weiß, dass nichts sicher sein kann, denn der Mensch scheint den Krieg über alles zu wollen, den Frieden für fast nichts aufs Spiel setzen zu können. Man sieht es an der Krise der Ukraine. Ich hoffe, dass sich die Archaiker unter den Politikern nicht durchsetzen, sondern die Vernunftbegabten. Keine Selbstverständlichkeit. „Thugs“ gibt es überall. Die zweite Amtszeit eines G.W. Busch in den USA hat das gezeigt (Anmerkung 2019: unglaublich, was in den letzten fünf Jahren geschehen ist, die dieses Weltbild vollständig ins Wanken gebracht hat).

In jedem Fall war ich froh, vor dem Museumsbesuch durch Céret gelaufen zu sein. Denn die Ausstellung befasst sich maßgeblich auch mit dem Erscheinungsbild des Ortes durch die Künstler, die hier in den 20ern gearbeitet haben. Viele haben Céret dargestellt. Es sieht auch heute noch so aus wie damals.

Hier soll übrigens der Kubismus erfunden worden sein. Dieses Konzept muss in der Zeit entstanden sein, in der Picasso und seine Freunde hier gewirkt haben.

Mein Besuch in Céret ging langsam zu Ende. Ich habe noch nicht die Ruhe erreicht, die ich eigentlich anstrebe, fühle mich gehetzt von alltäglichen Dingen, die mich nervös machen. Vielleicht war auch das der Grund, warum ich daran zweifelte, ob ich das Journal schreiben sollte. Aber das ist Blödsinn. Meine Einstellung ist verkehrt, nicht das, was ich tue.

Ich habe heute noch einige Kleinigkeiten zu erledigen, die morgige Weiterfahrt ist dabei, auch der Kauf einer Decke. In Foix ist es unglaublich kalt, bis an die Null Grad reicht das Thermometer. Dafür bin ich nicht ausgerüstet. Vielleicht bin ich doch in der falschen Region für diese Zeit.

Aber ich bin frei. Meine Route steckt nur in meinem Kopf, steht noch nicht fest. Wir werden also sehen, was geschieht.

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