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So perfekt, wie ich dachte, wurde es nicht. Zumindest was meine dringend notwendige Ruhe betrifft, traf es mich härter als die Tage zuvor. Während meiner gestrigen Abwesenheit traf eine Reisegruppe bestehend aus ca. 50 spanischen Kindern ein, die keine fünf Meter von meinem Zelt ihr Lager aufbauten. Und wenn schon, dachte ich, die sind den ganzen Tag Rad gefahren und toben jetzt umher, was soll da schon passieren.
Nun, sie tobten bis ca. Mitternacht.
Ich glaube, dass ich Kinder noch nie in meinem Leben so gehasst habe. Es war ein Geschrei, ein Umhergerenne, eines fiel über eine meiner Zeltschnüre, was die ganze Einrichtung zum Wackeln brachte. Irgendwann kam der Betreuer und mahnte, wie ich denke, zur Ruhe. Nicht, dass das irgendwen interessiert hätte. Das Geschrei ging weiter, bis es erst sehr spät abebbte.
Um 6:30 war es dann vorbei mit der Nachtruhe. Wieder fand mein Hass neue Sphären. Ich mag mich dafür nicht besonders, aber ich empfinde diesen Krach als nicht besonders angenehm. Andere mögen anders denken. Was auch noch unangenehm war, eine Gruppe pubertierender 13-jähriger Mädchen begannen vorsichtig, mit mir zu flirten.
I beg pardon?
Ich flüchtete bald darauf ins Zelt. Das war nicht auszuhalten.
Zum Glück fuhr die Gruppe heute ab, hatte ich doch schon mit dem Gedanken gespielt zu flüchten. So aber musste ich nicht einmal mein Zelt umstellen.
Durch diesen ganzen Ärger war ich ziemlich erschöpft, wahrscheinlich stecken mir die vorangegangenen Nächte noch in den Knochen. Aber ich fühlte keine Eile, auch weil La Cité kaum einen Kilometer entfernt vom Campingplatz liegt. Es ist auch recht klein, dafür bereits aus der Entfernung bombastisch, im wahrsten Sinne des Wortes. Kanonenkugeln mussten an den starken Mauern einfach abprallen. Das ist natürlich Blödsinn. Trotzdem ist die ganze Anlage eindrucksvoll. Trutzturm an Trutzturm, Mauern so hoch wie Wohnhäuser, die Cité zeugt von mittelalterlicher Militärkunst. Das Erwachen kam, als ich die Altstadt betrat.
Ich glaube, Disneyland beschreibt es als Vergleich ganz gut. Die alten Häuser sind mit Touristenshops besetzt, Holzschwerter, Herb de Provence, bunte Decken, kitschige Postkarten – es gab alles, was das Touristen-Herz begehrte.
Kurz danach begann die Fressmeile, anders kann ich es nicht bezeichnen. Ein Restaurant neben dem anderen, alle mit ähnlichen Speisekarten und billigen Menüs, die die 14 Euro nicht wert sind, die sie im Schnitt kosten. Mir blutete ein wenig das Herz. So etwas wird zum Weltkulturerbe? Das müsste verboten sein. Diese einmalige Altstadt hat so viel Potential. Sie ist ganz sicher mehr wert als das, was sich derzeit dort abspielt. Ich möchte auch gar nicht wissen, was hier im Sommer geschieht. Wahrscheinlich schiebt man sich langsam weiter, Fuß an Fuß. Es war heute bereits nicht gerade leer.

Es lohnt sich trotzdem. Wer es schafft, sich das alles ein wenig wegzudenken, der muss gestehen, dass die Anlage faszinierend ist, auch wenn die Restauration nicht hundertprozentig genau verlaufen ist. So sind die hübschen Giebel auf den Türmen niemals da gewesen und eine Erfindung des Geldgebers im 19. Jahrhundert, dem es zumindest zu verdanken ist, dass Carcassonne heute so gut erhalten ist.
Ich blieb gute anderthalb Stunden, bevor mich das Gewühl verrückt machte. Immerhin, sobald ich die Mauern passiert hatte und einen Blick darauf warf, konnte ich mich dem Gefühl der Erhabenheit kaum widersetzen. Ich schoss sicher an die hundert Fotos, nur um sicher zu gehen, zumindest einige Aufnahmen zu haben, die dieser Ansicht gerecht werden.
Erst als ich von der alten Brücke weitere Fotos schoss, fiel mir ein, dass ich vor einem Jahr genau hierher hatte fahren wollen, als der Motor des Transits platzte. Das hatte ich beinahe vergessen, ein gutes Zeichen, wie ich finde. Trotzdem spürte ich die Befriedigung, endlich den Kreis schließen zu können.

Ich lief danach nochmals durch die Unterstadt, Cité Basse, die ich gestern schon etwas besichtigt hatte und die ebenso wie die Cité ausgesprochen eindrucksvoll ist. Sie ähnelt einer perfekten Stadt, mit geraden Straßen und perfekt quadratischen Plätzen, hat den Charme des Alters und ist schlichtweg prächtig. Im Vergleich zur Cité verirren sich nur wenige Touristen hierher, was eigenartig ist. Man würde denken, so eine Attraktion nebenan färbt zumindest etwas ab. Aber das scheint nicht so, denn die meisten Restaurants hatten geschlossen. Nicht wenige Geschäfte scheinen seit Jahren aufgegeben, die Fenster vernebelt oder zerbrochen. An diesem Sonntag sah es ohnehin etwas öde aus, so dass ich entschied, morgen noch einen Tag zu bleiben. Wettertechnisch sieht es allerdings nicht sehr gut aus. 13 Grad und Regen. Irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Es ist nicht warm. Noch dazu donnert es gerade und die Wolken sehen bedrohlich aus.
Mist.
Im Moment bleibt mir wenig erspart.

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