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Der Himmel wirkte bedrohlich, als ich aufstand.
Es war ein Szenario, das ich gehofft hatte, nicht zu erleben, aber offensichtlich würde das schlechte Wetter weitergehen. Gestern Abend begann der große Regen. Unablässig prasselte es auf das Zelt, das zum Glück dicht hielt. Natürlich wurde es ebenfalls kälter. Irgendwie hatte ich mir das hier alles anders vorgestellt.
Heute also ging es in gleicher Form weiter. Noch war es früher Morgen, trotzdem beschloss ich, Sandalen anzuziehen, was ich zehn Minuten später sofort wieder änderte. Es war einfach zu eisig, der Wind wirkte ebenfalls auf mich ein, so dass ich mich schnell umzog, bevor ich den Campingplatz verließ. Ich wollte den Bus um Viertel nach Neun nehmen, war aber überrascht, dass er einige Minuten zu früh ankam. Später sollte ich feststellen, dass ich Glück gehabt und der Bus eigentlich verspätet war. So aber dachte ich mir nichts dabei.
Als ich in der Stadt ankam, war alles merkwürdig still. Waren schon gestern am Morgen kaum Menschen unterwegs gewesen, traf ich nun fast niemanden. Mein erster Gang führte mich daher zum Markt, wenigstens der hatte geöffnet.
Es ist immer erbaulich, einen dieser ausschweifenden Märkte zu besuchen. Bis in die späten 50er stand hier noch ein atmosphärischer Glaspalast, der allerdings 1958 durch eine Konstruktion ersetzt wurde, die ich nur als Betonklotz bezeichnen kann. Stolz verkündete ein Schild, dass man damals ein Konzept verwirklichte, Markt und Parkplätze zu verbinden.
Toll.
Egal. Geht mich nichts an.
So also schlenderte ich an den Produkten vorbei, Käse in ausufernden Massen, Fische, die ich nicht kannte und wahrscheinlich niemals kennenlernen werde, Stände mit Weinen und Wurst, hängenden Hinterschinken und alle möglichen Brotsorten. Dumm nur, dass ich kaum etwas brauchte. Ich kaufte ein Toulousoise, ein etwas dunkleres Brot für den Lunch, Käse hatte ich noch von gestern. Als Alleinreisender ist es nun einmal so. Man braucht kaum etwas. Zum Kochen muss ich dazu noch sagen, dass ein winziger Campingkocher kaum etwas zustande bringt, als irgendeine Pampe aus einer Konserve zu erhitzen. Vorgestern scheiterte ich an einem Fischfilet, das eher kochte als briet. Das war mir eine Lehre. So also blieb es nur bei der Vorstellung, eines Tages diese Produkte als Reisender einmal verbrauchen zu können. Trotzdem war es ein Erlebnis für jemanden, der sonst nur Discounter aufsucht. High-End versus Low-End.
Als ich den Markt verließ, öffneten einige Geschäfte, auch wenn es schon lange nach zehn Uhr war. Ich glaube, in diesem Augenblick erinnerte ich mich an eine kurze Unterhaltung mit einem Deutschen gestern. Der sprach von einem Brückentag.
Dann fiel es mir ein.
Heute ist Himmeltag. Ein Feiertag, zusammen mit einem Sonntag der Alptraum eines jeden Reisenden, weil kaum etwas geöffnet hat und kaum ein Bus fährt.
So also hatte ich eine Erklärung für die merkwürdig stille Atmosphäre, die sich auch kaum änderte.
Am Place du Capitole fand noch immer der fürchterliche Markt statt. Ich mied ihn danach also. Mein Plan war, noch die Krypta in St Sernin zu besuchen. Als ich endlich angekommen war, musste ich mich durch eine Traube von Bettlern hindurchkämpfen. Drinnen bereiteten sich die Gläubigen gerade auf die Messe vor. Natürlich war die Krypta geschlossen. Das war mir also nicht vergönnt.
Ich lief also weiter durch die Straßen. Auf das Museum Saint-Raymond hatte ich noch keine rechte Lust, also schlenderte ich weiter, wieder auf das Wasser zu. Es war Müßiggang in Reinkultur.

Dann machte der Regen meinem Spaziergang ein Ende. Es begann aus heiterem Himmel, nachdem ich kurz die Hoffnung gehegt hatte, dass es besser werden würde. Weit gefehlt.
Ich flüchtete in ein Café am Platz St. George. Ich glaube, es war das Schlimmste. Unfreundliche Kellner, teurer, aber guter Café, kein Internet. Willkommen war ich nicht.
Trotzdem blieb ich eine halbe Stunde. Schließlich regnete es.
Als es endlich aufhörte, beschloss ich, dass es Zeit war für das Museum. Ich glaube nicht, dass ich auf direktem Wege hingegangen bin, denn immer wieder lenkten mich die herrlichen Fassaden ab. Besonders die seltenen Art Deco Fassaden fielen mir auf. Ich muss mal recherchieren, wer sie entworfen hat, denn meist hat sich der Architekt irgendwo verewigt.
Schließlich erreichte ich das Museum. Es war nach meinem Geschmack, denn es beschäftigte sich mit den Anfängen der Stadt Toulouse, also der Römerzeit. Besonders Statuen und Reliefs sind ausgestellt, einer kleinen Schwäche von mir, zumindest war das vor einigen Jahren der Fall. Man merkt, dass Toulouse erst zur Zeit der Caesaren aufblühte, denn besonders Marmor-Köpfe aus dieser Zeit sind zu sehen, die dem damaligen Kult entsprangen. Eine gelungene Kopie eines griechischen Athleten ist für mich die Attraktion der Sammlung, auch wenn die Franzosen das andres sehen. Für sie steht eine, wie ich finde, eher krude Darstellung der zwölf Aufgaben des Herkules im Mittelpunkt. Aber so etwas ist immer Ansichtssache.
Ich las die französischen Texte und verstand, so gut ich konnte. Es ging eigentlich, auch wenn ich noch viel Übung und vor allem Vokabelwissen brauche. Es wird schon.
Im Keller des Museum befinden sich Grundmauern, von denen ich erst annahm, dass ich endlich ein Stück der römischen Stadt gefunden hatte, die im Stadtbild nicht zu erkennen ist. Aber es handelt sich um ein Hospital aus dem 10 Jahrhundert. Sarkophage aus frühester Christenzeit sind ebenfalls zu sehen.
Ich verbrachte in dem Museum vergnügte 90 Minuten und kann sie empfehlen. Einzig die Tatsache, dass sämtliche Schilder ausschließlich auf Französisch sind, ist ein bisschen ärgerlich.
Nach dem Besuch lief ich die Promenade direkt an der Garonne entlang. Der Regen hatte ganz aufgehört und ab und zu war ein Blauschleier zu sehen, der meist sofort wieder von einer dunklen Wolke verdeckt wurde. Es gab also keine Entwarnung.
Noch einmal marschierte ich durch die Altstadt.
Es gibt einen Punkt, an dem man weiß, dass der Besuch vorbei ist. Diesen Punkt verpasste ich nicht, sondern strebte recht zielstrebig erst zu einem geöffneten Supermarkt, dann zur U-Bahn. Um 15:30 kam ich bei der Metro-Station La Vache an. Und musste feststellen, dass ich lieber einmal den Busfahrplan studiert hätte. Erst 90 Minuten später würde der nächste Bus fahren. Hier stellte ich auch fest, dass ich am Morgen Glück gehabt hatte. Aber nicht jetzt. So sitze ich auf einer Bank in einem nahen Park und schreibe das Journal. Eine gute Angelegenheit also. Ich habe das Gefühl, langsam anzukommen.
Wenn jetzt das Wetter besser werden würde, wäre es perfekt.
Morgen jedoch geht es erst einmal weiter, nach Foix.
Die Pyrenäen können kommen.

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