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Ich bin mit mir im Reinen.
So würde ich es bezeichnen, wenn ich auf den gestrigen Tag zurückschaue.
Durch die anstrengende Wanderung am Vortag war ich gar nicht wirklich in der Lage, viel zu unternehmen. Dieser Umstand führte dazu, dass ich völlig still und ruhig den Tag verbringen konnte, ohne mich gehetzt zu fühlen. Ich tat einfach, was ich für richtig hielt. Vielleicht ist es der erste Reisetag, den ich auf diese Weise verbringen konnte. Und er tat mir gut. So gut, dass ich mich wundere, worauf der sonst übliche Stress zurückzuführen ist.
Wahrscheinlich ist dieses Journal nicht ganz unschuldig daran. Irgendwie hat es sich eingebürgert, dass ich es füttern muss, wenn nicht immer mit den spektakulärsten, so doch immer mit zumindest interessanten Gedanken.
Warum eigentlich?
Ich schreibe jeden Tag an meinem Schreibtisch zuhause. Tausend Worte sind dabei das Minimum, meist sind es doppelt so viele.
Es geht dabei auch gar nicht um das Schreiben selbst. Es handelt sich eher um die Tatsache, etwas erleben zu müssen, das sich lohnt aufzuschreiben. Gestern also fühlte ich mich so entrückt, so wenig Sklave meines Journals, dass ich einfach nichts unternahm. Also nichts, das irgendwie berichtenswert gewesen wäre.
Ich lief zum Beispiel einfach in die Stadt. Es war Pfingstsonntag, über allem lag ein Flair des Feiertages. In Tarascon selbst fand ein Flohmarkt statt. Nichts Aufregendes. Aber es war schön, einfach an den Ständen vorbeizuschlendern. Kaufen konnte ich nichts, so dachte ich, weil ich gewichtstechnisch ohnehin bereits ausgelastet bin. Ich sah kupferne Kessel und Pfannen, die ich gerne mitgenommen hätte, weil sie gut in unsere Küche passen. Sei es als pure Dekoration, sei es aus kulinarischen Gründen, wenn sie sich noch verwenden lassen. Aber ich ging vorbei, fragte vorsichtshalber auch nicht nach dem Preis. Denn dann ist es meist nur noch ein kleiner Schritt für mich, besonders wenn ich ein Schnäppchen vermute.
Aber an Modedrucken aus dem frühen 20. Jahrhundert kam ich nicht vorbei. Einer davon bezauberte mich, so dass ich ihn für fünf Euro erstand. Es ist sicher nur eine Kopie, sie hat aber bereits Altersflecken, so dass sie charmanter wirkt. Das Gewicht kann ich nun gerade noch verkraften.
So verbrachte ich eine angenehme halbe Stunde, kaufte mir danach eine Coté Sud (Anmerkung Jahre später: die erste in meinem Leben, es sollten noch Dutzende dieser Reihe folgen) und lief zurück zum Campingplatz. Zwei Stunden verbrachte ich danach am Pool, hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen.
So vergingen auf süße Weise die Stunden.
Am Abend machte ich noch einen Spaziergang nach Usset, zu den Thermen. Ich weiß gar nicht, ob ich sie wirklich erreichte. Eigentlich stieß ich nur auf ein prächtiges abgesperrtes Gebäude, das seine beste Zeit hinter sich hat. Es zerfällt. Leider, wie ich gestehen muss, denn es hat Charme. Es handelt sich eindeutig um eine ehemalige Heilanstalt, denn durch die verdreckten Fenster konnte ich die Beschriftungen der Räume gut erkennen. „Massage“ war eindeutig.
Warum erhalten Menschen eigentlich immer nur Gebäude, die mindestens 300 Jahre alt sind? Diejenigen, die es nur auf 100 bringen, sind es oft nicht wert, so scheint es mir. Um dieses Gebäude jedenfalls wäre es sehr schade.
So ging also der Tag zu Ende. Und ich hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

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