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Es war ein außergewöhnlicher Tag.
Auf eine gewisse Weiße habe ich ihn durchgeplant, war dabei 12 Stunden auf den Beinen, ohne jedoch auch nur den Hauch von Stress. Lange Wartezeiten waren dabei, die zwangsläufig in diesem Teil der Welt auftauchen. Aber dazu später.
Ich hatte mir beinahe wie üblich um sieben Uhr den Wecker gestellt. Natürlich stellte ich ihn um zehn vor sieben freiwillig wieder aus. Wer will diesen unsäglichen Ton schon hören? Ich packte alles zusammen, was angesichts des Chaos, das in meinem Zelt permanent zu herrschen scheint, immer wieder an ein Wunder grenzt. Letztlich ist es wahrscheinlich nie besonders viel, das herumfliegt, das Wenige sieht nur so dominant aus, wenn es ohne scheinbare Ordnung verstreut ist. Um sieben war ich eigentlich mit Packen fertig. Das Zelt stand natürlich noch und einige Dinge des täglichen Lebens waren auch noch nicht untergebracht. Dabei ist es erstaunlich, wie durch nur wenige hinzugekaufte Gegenstände das Gepäck anzuschwellen scheint. Die Fleecedecke macht den größten Batzen an Raum aus. Ich muss überlegen, ob ich sie mitnehmen möchte. Das Wegwerfen fällt mir immer sehr schwer. Aber auch die neuen Langouile-Steakmesser brauchen ihren Raum, der naturbelassene Rohrzucker ebenso. Alles in allem addiert sich Gramm auf Gramm.
Als ich nach diesen etwas eigenartigen Gedanken aus dem Zelt kroch, bemerkte ich die schweren Wolken, die sich langsam von den Gipfeln auf das Tal senkten. Es wollte doch nicht ernsthaft beginnen zu regnen?
Also beeilte ich mich. Es gibt nichts Schlimmeres, als mit durchnässtem Gepäck reisen zu müssen. Oder in einem klitschnassen Zelt zu übernachten. Ich war paranoid, denn nichts dergleichen geschah. Trotzdem war ich noch vor acht aufbruchbereit, nur machte die Rezeption erst um halb neun auf. Es war alles kein Problem. Ich hatte so viel Zeit, dass ich mich noch in die Bar setzen und etwas surfen konnte.
Als ich bezahlt hatte, machte ich mich zum Supermarkt auf. Es war eine vorausberechnete Aktion, denn ich wusste, dass ich an diesem Tag lange unterwegs sein würde, ohne die Möglichkeit, Proviant an Bord zu nehmen. Manchmal wundere ich mich über mich selbst. Andere Menschen lassen es in dieser Richtung wesentlich gelassener zugehen. Aber den Gedanken, nach einem anstrengenden und erfolgreichen Tag auch noch auf der Suche nach auch noch ausgesprochen teurer Nahrung in der Gegend umherirren zu müssen, war unerträglich. Also sorgte ich vor.
Viel zu früh kam ich danach mit meinem ausladenden Gepäck am Bahnhof an. Das Ticket war schnell gekauft, nach Latour-de-Carol. Der Schalterbeamte, der gleichzeitig Schaffner war, verfrachtete mich in den drei Minuten später eintreffenden Zug. Ich hatte mit diesem erst eine Stunde später gerechnet. Wie sich zeigen sollte zurecht. Denn der Zug, in dem ich mich befand, fuhr nur bis Ax-les-Thermes. Und dort saß ich dann eine Stunde.
Ich glaube, das Warten habe ich irgendwann in den letzten Jahren gelernt. Es stört mich einfach nicht. Ich schrieb das Journal des Vortages, las noch ein wenig, dann war die Zeit auch schon um.
Eines weiß ich jetzt, ich bin nicht wirklich in den Pyrenäen gewesen.
Schon kurz hinter Ax begann die Steigung, die Berge schienen zu wachsen. Auch die Gegend änderte sich. Aus dem lieblichen Tal wurde eine raue Berglandschaft, die an Schönheit wohl kaum zu überbieten ist. Schneebedeckte Kuppen kamen näher, wirkten so als könnte ich sie anfassen. Mir kam der Gedanke, dass ich doch an den falschen Orten gewesen bin. Als wir an L’Hospital d’Andorre vorbeikamen, einem Ort, den ich eigentlich ebenfalls als Ziel zumindest in Betracht gezogen hatte, bereute ich meine viel zu ausgeprägte Ruhe der letzten Tage. Aber es half nichts. Es bleibt nur die Erkenntnis, dass ich wohl nochmal herkommen möchte. Besser vorbereitet und abenteuerlustiger. Oder spontaner, denn ich hätte ja auch aussteigen können.
So also fuhr ich weiter nach Latour-de-Carol.

Der Ort liegt mehr als 1200 Meter hoch. Trotzdem war es brütend heiß. Es war nicht einmal zwölf, trotzdem zog es mich sofort zum Bahnschalter. Die Train Jaune sollte es sein, mit Anschluss nach Prades.
Drei Stunden hatte ich totzuschlagen. Mit meinem Gepäck war ich eingeschränkt, also setzte ich mich in das Café-Restaurant gleich neben dem Bahnhof. Ich bewegte mich in den nächsten Stunden kaum.
Das katalanische Ehepaar, das es betreibt, war rührend um die Gäste bemüht, wurde aber, sobald sich deren Zahl dem halben Dutzend näherte, zunehmend hektischer. Natürlich störte ich, der ich nur einen Kaffee und später ein Sandwich bestellt hatte. Aber was sollte ich machen?
Die Train Jaune fuhr irgendwann ein, so dass ich Gelegenheit hatte, sie genauer anzusehen. Es ist ein altes Gefährt, mit ledernen Sitzen innen, die nicht gerade bequem aussehen. Die Einstiege sind hoch, kaum geeignet für fußlahmes Volk, aber dazu gehöre ich zum Glück noch nicht. Ich entschied mich dazu, trotz der Hitze, im einzigen offenen Waggon Platz zu nehmen. Dort gab es nur Holzbänke. Aber was soll die Bequemlichkeit? Nur hier konnte ich hoffen, gute Fotos machen zu können.
Langsam kamen die anderen Fahrgäste. Holländer, Engländer und einige Franzosen. Alle jenseits der sechzig. Nicht mehr lang, dann gehöre ich auch zu dieser Altersgruppe.
Pünktlich kurz vor 15 Uhr setzte sich die Bahn schnaufend in Bewegung. Die Sonne knallte auf uns hinunter, ich merkte rasch, dass ich eine Stelle an meinem Hals vergessen hatte einzucremen, aber es war zu spät.
Die Belohnung, nämlich die grandiose Aussicht auf die Pyrenäenlandschaft, die wir durchquerten, ließen diese kleinen Strapazen in den Hintergrund treten. Wir fuhren aus der Schlucht heraus, erreichten bald eine Ebene hoch in den Bergen, die von noch höheren Gipfeln großzügig eingeschlossen wird. Wir fuhren nicht besonders schnell, die Strecke wand sich langsam dahin. Noch war die Gegend lieblich, auch wenn die Rauheit immanent überall warten konnte. Irgendwann begann ein weiterer Anstieg. In Bögen fuhren wir hinauf, ächzend und stöhnend: die Lok unter der Anstrengung des Aufstiegs, wir unter der sengenden Sonne. Trotz einiger Gelegenheiten wechselte ich nicht in ein Abteil. Um nichts in der Welt wollte ich etwas von dieser Landschaft verpassen.
Wir passierten einige Stationen, an den meisten fuhren wir vorbei. An anderen luden wir weitere Gäste ein. Anfangs war die Bahn noch recht leer gewesen, nun aber füllte sich zumindest der offene Wagen.
Es ist eigenartig, aber selbst die schönste Landschaft scheint sich einer gewissen Gewöhnung nicht entziehen zu können. Ich ertappte mich dabei, nach ca. einer Stunde, kaum noch hinzusehen. Das ging nicht. Ich zwang mich, meine Gedanken in den Hintergrund zu schieben, um von dieser außergewöhnlichen Fahrt mehr mitzunehmen.
Die Landschaft änderte sich.
Wir hatten offensichtlich den höchsten Punkt erreicht, ab jetzt ging es abwärts. Hier wurde es wirklich spektakulär. Mit quietschenden Bremsen ging es hinunter, an Abgründen und Schluchten entlang. Es wirkte halsbrecherisch, aber auch unglaublich. Einige Wolken hatten sich vor die gnadenlose Sonne geschoben, sofort war ich froh, die Softshell-Jacke zu besitzen. Einige malerische Orte fuhren vorbei, ich kam nicht dazu nachzusehen, wie sie hießen. Aber auch hier musste sich ein Aufenthalt lohnen. Einer hatte es mir besonders angetan. Ich muss nachsehen, wie er heißt.
Drei einhalb Stunden nach unserem Aufbruch erreichten wir Villefranche, die Endstation der Train Jaune. Es war ein angenehmer warmer Abend. Ein normaler Zug brachte mich nach Prades, wo die Bürgersteige bereits hochgeklappt schienen. Ziehenderweise erreichte ich den Campingplatz Municipale, ein einfacher, aber ausreichender Platz. Ich weiß noch nicht, ob ich wirklich drei Nächte bleiben werde. Das muss ich später entscheiden. Jetzt war ich übrigens froh, eingekauft zu haben. Ich kochte rasch, genoss ein Gläschen Wein, es war alles sorglos und angenehm. Der Tag war wundervoll, die Fahrt mit der Train Jaune nochmals ein Höhepunkt. Für 20 Euro durch eine außergewöhnliche Landschaft gefahren zu werden, sie beinahe mühelos betrachten zu können, ist wirklich etwas einmaliges. Zugenthusiasten kommen sicher auch auf ihre Kosten. Dazu gehöre ich nicht.
Aber jedem das Seine.
Langsam komme ich wirklich wieder am Ausgangspunkt an. Aber noch ist es nicht an der Zeit, die Reise Revue passieren zu lassen. Erst einmal genieße ich die letzten Tage.

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