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Ein Streiktag.

Ich weiß, es hört sich nach einem Cliché an, aber manchmal sind Clichés eben wahr. So heute.
Ich hatte vor zwei Tagen schon eine Unterhaltung zwischen Franzosen in der train jaune überhört, als es um das Thema ging. Damals hatte ich dem nicht viel Bedeutung beigemessen. Aber an diesem Tag, als ich pünktlich um neun Uhr am Bahnhof ankam und nachdem (!!) ich einen Fahrschein erstanden hatte, wartete ich auf den Zug um 9:11. Um 9:20 ahnte ich, dass das Schild, das neben dem Fahrplan hing, doch wichtig war. Was mich aber am meisten wunderte, war die Anzeigetafel, die elektronisch noch immer meinen Zug ankündigte. Die hat wohl jemand vergessen zu aktualisieren.
Ich erinnerte mich.
Auf dem Weg zum Bahnhof hatte ich eine beachtliche Menschenmenge am Gare Routière gesehen, mir nichts dabei gedacht. Jetzt weiß ich, dass es manchmal doch besser ist, der Masse nachzulaufen. Meist führt das ja zu nichts. An diesem Tag aber wäre es anders gewesen.
Mein Tag also musste anders verlaufen als geplant. Denn der nächste Bus in Richtung Villefranche würde erst in guten zwei Stunden abfahren. Dabei hatte ich doch die Mittagshitze vermeiden wollen.
Es hilft nichts, in solchen Fällen auf der Niederlage zu verharren. Also ging ich zu meinem Lieblingsplatz in Prades, den einzigen echten, und setzte mich in ein Café. Was soll es? Es ist das Beste, was man tun kann.
Wieder am Bus-Bahnhof, nach zwei faulen Stunden, traf ich auf ein älteres englisches Ehepaar, die wegen der train jaune hier waren. Sie teilten mir mit, dass diejenige, die ich vor zwei Tagen genommen hatte, die letzte vor dem Streik gewesen war. Es ist kaum zu fassen. Wer hat hier Glück, wer Pech? Eine müßige Frage. Manchmal muss man sich anpassen. Die Engländer jedenfalls waren sauer. Dabei stand ihnen ein Bus zur Verfügung. Wenn man nicht Bahn-Enthusiast ist, was bei Engländern immer möglich ist, ist es doch egal.
Ich jedenfalls saß kurz darauf im Bus nach Villefranche. Die Fahrt, auf die ich Stunden gewartet hatte, dauerte dann 10 Minuten. So ist das manchmal.
Am Bahnhof war ich ausgestiegen, eigentlich eine Station zu früh. Meine Bahn von Vorgestern stand noch immer da, wo ich sie das letzte Mal gesehen hatte.
Den Pfad zum Ort fand ich nicht sofort, aber die Wege hier sind nicht besonders weit. Das erste Mal in diesem Urlaub spürte ich die sengende Hitze des Südens. Mein Kreislauf meldete sich. War es wirklich erst eine Woche her, seit ich, im Zelt eingemummelt in meine Decken, meinen Atem beobachtet hatte? Kaum zu fassen.
Der Unterschied zu Tarascon, wo es auch schon heiß gewesen war, lag in der Tatsache, dass es noch heißer und noch drückender war.

Aber nun zur Stadt.
Durch ein befestigtes Tor erreichte ich die mittelalterliche Stadt Villefranche. Es ist eine Festung, die von einem Franzosen, Vauban, zur Zeit von Louis XIV erbaut worden ist. Das Fort Liberté hoch oben über der Stad ist ebenfalls von ihm.
Villefranche ist alles, was ich nicht erwartet hatte. Der Loneley Planet widmet dem Ort drei Sätze und ich ärgerte mich, dass ich nicht den von mir bevorzugten Rough Guide mitgenommen habe. Ach was, ärgern. Eher zweifeln.
Villefranche könnte es mit jedem italienischen ursprünglichen Ort in der Toskana aufnehmen. Vielleicht nicht mit San Gimignano, auch wenn das vielleicht etwas Gutes ist, wenn man den Trubel mit hineinrechnet. Er erinnerte mich eher an Kotor in Montenegro, auch wenn Villefranche natürlich nicht am Wasser liegt. Trotzdem, die alten rauen Bauten aus Natursteinen, kantig und grob, mit verwitterten Bögen und Fenstern, hatten den unheimlichen Charme, die jede einigermaßen gut restaurierte historische Stadt aufweist. Ich lief durch die Gassen, von denen es eigentlich nur zwei gibt, die beide parallel die Stadt durchpflügen. Besonders der Kathedralenplatz erinnerte mich an Kotor. Ich weiß auch nicht warum.
Die romanische Kathedrale war nicht geöffnet. Dafür entschädigten mich die grotesken Figuren an den Säulenkapitellen des Eingangs. Tierfratzen bleckten die Zähne und steckten mir die Zungen entgegen. Eigenartige Köpfe, die etwas menschlicher aussahen, wanden sich am obersten Bogen. Es ist beinahe etwas dali-esque. Warum auch nicht? Künstler von damals haben ganz sicher ihre Talente auf die verschiedensten Weisen ausgelebt. Vielleicht hat der Bischof auch nicht so genau hingeschaut oder hatte ausnahmsweise auch einen Sinn für Humor.
Ansonsten sah ich mir den Rest der Stadt an. Die Mauern von Vauban kann man besichtigen, aber ich fühlte mich ausgesprochen matt. Eigentlich hatte ich vorgehabt, zum Fort Liberté hinaufzusteigen. Stattdessen saß ich vor der Kathedrale, auf den kühlen Steinen. Mir fielen die Augen zu.
Also wirklich.
So etwas Peinliches.
Ein schöner Reisender bin ich. Nichts mehr gewohnt. Vor ein paar Jahren noch hätte mich keine noch so hohe Tagestemperatur von einem Besuch einer Sehenswürdigkeit abgehalten. Nun, das hat sich geändert.
Nach einigen Stunden hatte ich die beiden Gassen mehrere Male durchschritten. Es war also Zeit zu gehen.
Der Bus kam ein paar Minuten später, dann war ich wieder in Prades. Das geht einfach alles manchmal etwas zu schnell.
Ein Blick zum Carnigou sagte mir, dass ein Gewitter bevorstand.
Der Himmel hatte allerdings in den letzten Tagen immer mal wieder so ausgesehen, so dass ich es nicht für allzu voll nahm.
Nach einem Einkauf schien der lilafarbene Himmel näher zu kommen. Mir war es egal. Ich hatte alles, was ich brauchte.
Tatsächlich regnete es noch ein bisschen. Die Wohnmobilisten, die mich immer ein wenig belächelten, wenn nicht gar gänzlich ignorierten, sagten mir voraus, in Bälde davonzuschwimmen.
Jetzt war es an mir zu lächeln. Mein Zelt stand auf einer kleinen, kaum sichtbaren Anhöhe. Die Wohnmobile auf der anderen Seite waren in Gefahr, da sie in einer Kuhle standen.
Letztlich kam es nicht so weit. Es tröpfelte nur ein wenig, die Luft wurde frischer und sauberer, was den Abend sehr angenehm, gestaltete. Ich hatte mir einen Meeresfrüchtesalat geleistet, den es fertig zu kaufen gab. Dazu einen fast prickelnden Rosé, den ich nicht austrinken konnte. Wer kann schon eine ganze Flasche Wein trinken? Ich jedenfalls nicht.
Gegen neun lief ich nochmal durch den Ort, um zu sehen, ob es eine Liveübertragung vom Fußballspiel, dem WM-Auftakt, geben würde. Ich sah keine Bar, die einen Fernseher hatte. Letztlich war es mir nicht so wichtig. Meine fußballinteressierte Zeit scheint vorbei zu sein.
Es war mein letzter echter Abend in Frankreich.
Morgen geht es zurück nach Deutschland. Noch bin ich nicht wehmütig.
Aber das kommt schon noch.

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