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Den letzten Tag schreibe ich aus dem Gedächtnis, denn er ist doch schon einige Zeit her. Geprägt war er von müßigem Warten und entspannten Stunden.
Am Morgen wusste ich kaum etwas mit mir anzufangen. Erst um 21:30 würde mein Bus nach Mannheim abfahren, die Zeit wollte ich so gut es ging nutzen. So kam es, dass ich bereits gegen zehn alles zusammengepackt hatte. Wie es immer geschieht, scheint das Gepäck zu wachsen wie eine üppige Pflanze, die sich kaum in Zaum halten lässt. Ich musste mein gesamtes Gewicht verwenden, um die Reißverschlüsse schließen zu können.
Endlich war es geschafft, der Koffer in Frankreich das letzte Mal geschlossen. Nun standen die letzten Kilometer bevor, in denen ich ihn auf seinen ausgefransten Rollen ziehen musste. Dann hätte meine neue Art des angenehmen Reisens gut funktioniert. Besser schlecht gezogen als gut geschleppt.
Natürlich war ich viel zu früh am Gare Routière. An einen Zug war nicht zu denken, denn noch immer wütete der Streik. Es scheint hier wirklich eine Art Hobby zu sein. Wenigstens kam der Bus einigermaßen pünktlich.
Die Fahrt nach Perpignan wurde noch einmal wirklich interessant. Mont Canigou erhob sich in seiner ganzen Pracht, ist auch von Perpignan aus noch gut zu erkennen. Es ging vorbei an hübschen Dörfern und kleinen Städten, doch die Berge wurden langsam flacher. Letztlich sind es nur 40 Kilometer bis nach Perpignan, dann war noch vor Mittag meine Rundreise abgeschlossen.
Es blieben also noch viele Stunden.
Als Erstes musste ich mein Gepäck loswerden. Also fragte ich eine Dame von SNCF, die Informationen zu den wenigen Zügen vermitteln sollte, nach entsprechenden Anlagen im Bahnhof.
„Il n y a plus“ oder so ähnlich.
Keine Gepäckaufbewahrung? Das gab es doch nicht, also fragte ich nochmals, denn vielleicht hatte ich mit meinem schlechten Französisch nicht genau verstanden. Doch sie wiederholte den Satz.
Ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Was sollte ich denn all die Stunden machen, mit 25 Kg Gepäck im Schlepptau?
Ich lief auf die andere Seite des Bahnhofs zu den Schaltern. Dort näherte ich mich, bereits beinahe hoffnungslos, einer weiteren Dame.
„Hotel Terminus“ sagte sie nur und deutete auf eine Absteige außerhalb des Bahnhofs. Tatsächlich, das Hotel dient offiziell als Gepäckaufbewahrung. Ich bekam sogar einen Zettel mit einer Nummer und es kostete ein paar Euro, so dass die Angelegenheit einen offiziellen Charakter annahm. Dann war ich befreit von meiner Last, hatte nun einige Stunden Zeit.

Perpignan kannte ich schon, wie ich fand, zur Genüge. Warum also nicht zum Meer? Der Bus Nummer 6 fuhr direkt nach Carnet Plage.
Plage klang gut.
Auf zum Strand.
Erst dauerte es 20 Minuten, bis der Bus kam. Das Warten aber hatte ich nun wirklich gelernt. Es geht darum, seine Zeit so gut es geht zu nutzen, was immer einen auch erwartet.
Als ich endlich im Bus saß, dauerte es nochmals eine halbe Stunde, ehe wir aus der Innenstadt heraus waren. Es war Freitag, die Schule war aus, die Sonne lachte bei stetig steigenden Temperaturen. Natürlich fährt jeder ans Meer. Oder? Ich schließlich auch.
So dauerte es nochmals eine Weile, bis sich das Meer endlich zeigte.
Es war fürchterlich.
Betonklotz an Betonklotz reihte sich aneinander, der Strand erstreckte sich kilometerweit, doch schattenlos. Natürlich ging ich zum Wasser, nur um wenigstens einmal meine Füße darin zu baden. Keinen Gedanken verschwendete ich daran, mich in die Sonne zu legen. Das ist eher etwas für andere.
Dann setzte ich mich in ein Café, denn die Hitze wurde langsam unerträglich. Es ist schon merkwürdig. Vor wenigen Tagen noch habe ich in meinem Zelt gesessen und meinem Atem zugesehen, jetzt muss ich schon Siesta halten. Zumindest symbolisch.
Danach sah ich mich noch ein wenig in den Geschäften um, die alle auf die sommerlichen Touristen warten und von Mode bis hin zu Badeutensilien alles anbieten. Eigentlich recht langweilig. So kam es, dass ich kaum anderthalb Stunden nach meiner Ankunft in Carnet den Bus zurück nahm. Der erreichte Perpignan jetzt sehr schnell. Wer fährt denn auch um diese Zeit zurück? Kaum jemand.
Noch immer hatte ich Stunden zu verbraten. Warum also nicht nochmals in die Stadt? Es schien mir eine gute Idee. War es auch. In den Gassen der alten Viertel war es marginal kühler, aus den Geschäften kam mir die Luft aus den Klimaanlagen entgegen, die angenehm frisch wirkte. Noch einmal schlenderte ich auf ausgetretenen Wegen, ohne dabei viel wahrzunehmen. Es war Nachmittag, die Straßen waren lebendig, die Leute freuten sich auf das nahe Wochenende. Alles in allem eine angenehme Atmosphäre, die ich still und voller Bewunderung, mit einem, leichten Anflug von Neid, beobachtete. Es muss schön sein, in einer so heiteren Stadt zu wohnen.
Nach einem weiteren Aufenthalt in einem Café wurde es langsam Abend. Viel zu tun hatte ich nicht mehr, doch das, was ich noch machen wollte, plante ich zeitlich akribisch. Das Sandwichkaufen wurde zu einer Aufgabe voller Intensität. Nicht weil es wichtig war, sondern weil ich mich dieser Aktion zeitlich voll und ganz widmen konnte. Es wurde ein Sandwich Toskana mit rohem Schinken und Käse. Nur für die, die Details mögen.
Dann holte ich nach einem weiteren Gang durch die Stadt und dem Weg zurück zum Bahnhof meinen Koffer ab. Noch immer war es heiß, doch entschied ich mich dafür, statt der Shorts die Jeans und statt der Sandalen die Stiefel anzuziehen. Immer in der Voraussicht, dass der Bus Richtung Deutschland überklimatisiert sein würde. Es stellte sich später als gute Wahl heraus.
Nachdem ich mich in den öffentlichen Toiletten der Bahn umgezogen hatte, stellte ich mich in die Wartezone der Bahn. Dort erlebte ich Dramatik pur. Durch den Streik waren etliche Passagiere gestrandet. Eine französische Schülergruppe und auch eine deutsche Reisegemeinschaft mit Rucksäcken, offensichtlich noch nicht sehr erfahren in dieser Hinsicht.
Während die Franzosen völlig gelöst und entspannt waren und auf irgendeine Weise ihre Weiterfahrt und/oder Unterkunft organisierten – die Kinder wurden mit Autos abgeholt, die Erwachsenen buchten rasch Bungalows auf einem der Campingplätze, leerte sich der Vorhof am Bahnhof, vor dem ich mittlerweile Quartier bezogen hatte.
Die Deutschen aber saßen angesäuert auf dem Boden, an ihre Rucksäcke gelehnt. Ich weiß nicht genau, was sie dachten. Die einzige Frau in der Gruppe jedenfalls erkundigte sich, während die Männer entweder lamentierten oder sich entspannt zurücklehnten.
Ich glaube, es endete darin, dass sie in ein viel zu teures Hotel eincheckten. Einer der Männer war so sauer, dass er noch viele Meter weit strahlte. Ganz ehrlich, ich spielte mit dem Gedanken, sie auf das Hotel Terminus, das ganz nach einer entsprechenden Absteige ohne großen finanziellen Verlust aussah, hinzuweisen, oder auf den Campingplatz, der auch nicht besonders weit entfernt liegt. Doch am Ende tat ich nichts, sah stattdessen, dass sie alles auch so lösten, wenn auch nicht zu jedermanns Zufriedenheit. Reisen ist auch immer eine Frage von kreativer Problemlösung. Nicht alles funktioniert. Vielleicht mache ich es deshalb so gerne, denn das Chaos will auch beschäftigt werden. Oder besser geordnet.
Auf diese Weise ging die Zeit herum.
Ich lernte noch ein älteres Ehepaar kennen, während wir alle zusammen auf den Bus warteten. Zum Glück, denn ich war nicht sicher, ob ich auch richtig stand. So aber war ich beruhigt, denn noch immer hatte ich Zweifel, ob alles funktionieren würde. Am Ende kam der Bus eine Stunde zu spät. Mir war es egal. Alles lief wie geplant.
Natürlich wurde die Nacht anstrengend. Es war voll und stickig, mein Rücken schmerzte und an Tiefschlaf war nicht zu denken. Aber zumindest ruhte ich mich etwas aus. Immerhin war ich den ganzen Tag unterwegs gewesen und entsprechend müde.
So also geht diese Reise zu Ende. Mit einem Lächeln auf den Lippen sah ich Perpignan verschwinden. Anderthalb Stunden später erreichten wir Montpellier, an das ich ebenfalls beste Erinnerungen habe.
Erst am Morgen nahm ich wieder etwas bewusst wahr. Wir hatten das Elsass erreicht. Ich beobachtete, wie wir an Colmar und Riquewhir vorbeifuhren, die Haute Königsburg thronte auf den Hügeln, die sie beherrscht. Kurze Zeit später passierten wir den Rhein.
Hier endet mein diesjähriges Journal. Trotz einiger Zeit in Mannheim reicht es, denn die Reise scheint mir ab diesem Augenblick beendet. Es war eine kleine Runde und wieder ein Ausflug in die Vergangenheit. Denn so bin ich schon viele Jahre nicht gereist. Es war etwas anstrengender als mit Wohnmobil.
Aber es war jede Minute wert.
Und das ist die Hauptsache.

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