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Es wurde nachts nicht besser.
Schon am Abend kühlte es weiter ab, so dass ich, Mitte Mai, beginnen musste, das Fahrzeug zu heizen. Mir geht das gewaltig gegen den Strich. Natürlich hatte es auch etwas, sich im warmen Camper einzubunkern, aber das war es nicht, wofür ich hier war.
Der Morgen war nicht besser. Der Regen kühlte alles ab, ich musste mit mir kämpfen, um überhaupt etwas zu unternehmen. Letztlich hatte ich in weiser Voraussicht bereits gestern Bustickets gekauft, auf deren Benutzung ich nicht verzichten wollte. Nach der spannenden Lektüre von „Der Untertan“ riss ich mich los aus dem warmen Raum und trat nach draußen, um der Dinge zu trotzen, die sich mir in Form von Regen in den Weg stellten.
Also fuhr ich nach Lyon.

Es ist eine beeindruckende Stadt. Alt ehrwürdig, voller Energie und Leben. Selbst bei dem miserablen Wetter spürte ich das, wie muss es erst bei Sonnenschein sein? Ganz sicher noch grandioser, wenn das überhaupt geht.
Ich lief zur Cathédral St-Jean. Es ist ein großartiger Bau, allein seine Wuchtigkeit ist beeindruckend. Mir fiel auf, dass seine Fassade schlichter ist als sie sein sollte. Überall fehlten die Heiligenstatuen, viele Reliefs waren ausgeschlagen. Vielleicht ist es das, was die Kathedrale so anders macht. Sie scheint in vielen Jahrhunderten auf eine gewisse Weise säkularisiert, reduziert auf das, was sie ist. In erster Linie ein Gebäude, in zweiter ein Ort des Glaubens, ohne Schnörkel. Zumindest nicht mit übertrieben vielen. Ich blieb trotzdem einige Zeit stehen, um Einzelheiten zu studieren. Nicht, dass ich mich mit Reliefs oder Statuen auskenne. Aber mir fiel auf, dass hier so viele Künstler gewirkt haben. Sie haben geschaffen und geschaffen, Einzelheiten und Verzierungen zeugen noch heute davon. Man könnte ein ganzes Leben nur damit verbringen, diese Kathedrale zu studieren und hätte ganz sicher niemals Langeweile. Wie oberflächlich wir jedoch sind. Wir kommen an, werfen einen kurzen Blick auf die interessantesten Attraktionen, ohne jemals in die Materie einzudringen. Mich stimmt das immer ein wenig traurig, denn ich bin ebenfalls einer von der Sorte. Auch wenn sich bei mir langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass ein tieferes Eintauchen in die Welt um mich herum mehr lohnt, als das kurze Streifen. Weniger, dafür intensiver. Vielleicht ist es auch das fortgeschrittene Alter, das meine Bewegungen langsamer werden lässt. Vielleicht auch die Erfahrung des Reisens. Ich schaffe sowieso niemals alles, was ich eigentlich schaffen müsste. Also kann ich mich getrost auf wenig konzentrieren. Der Spaß ist dabei beinahe noch intensiver.
Der Regen schwächte ab, so dass ich mit dem Aufstieg zur Basilique Notre-Dame beginnen konnte. Die Kirche selbst lohnt den Besuch nicht, aber die Panoramaaussicht in jedem Fall. Man sagt immer, dass eine Stadt ein Ort der Gegensätze ist, eine Klischeeformulierung, die auf jeden Platz der Welt zutrifft. Besser ist es, die Gegensätze zu beschreiben, denn die mögen überall anders sein. Wie hier zu erwarten, ist es der Gegensatz der Antike und Moderne. Lyon wird im alten Teil dominiert von den typischen französischen Wohnhäusern, mehrstockig, mit hohen Dächern und den typischen winzigen Wohnungen darin. Ich finde das immer prächtig, denn es ist so typisch für das Land. Es beruhigt mich, dass die Franzosen etwas derartig Einzigartiges erschaffen haben, das nicht mit Wohnhäusern anderer Metropolen wie zum Beispiel London, Prag oder Berlin zu vergleichen ist. Nicht dass die weniger prächtig wären, aber es ist anders. In der Ferne dagegen dominieren die Hochhäuser der Geschäftswelt, woanders die Schlafstädte an der Peripherie, die die Ungerechtigkeiten in der französischen Gesellschaft manifestieren, so wie das überall in unserer kapitalistischen Welt ist, ja, sein muss, weil sie traurigerweise anscheinend sonst nicht existieren kann. Aber dazu muss ich mich ein andermal äußern, denn meine Gedanken dazu sind noch lange nicht reif, aufgeschrieben zu werden, auch wenn ich mir naturgemäß oft und lange Gedanken dazu mache.

Die Basilika selbst wird im Rough Guide als „Wedding Cake“ beschrieben. Diese Beschreibung kann ich übernehmen. Äußerlich ist die Kirche noch recht ansehnlich, ähnlich wie ihre gleichnamige Schwester in Paris. Innen erschlagen einen Mosaike, zeitgemäß vielleicht am Ende des letzten Jahrhunderts, jetzt jedoch wirken sie Fehl am Platz. Ähnlich muss die Kaiser-Wilhelm-Kirche in Berlin einmal ausgesehen haben, die nicht lange danach entstanden sein dürfte. Also voller Nationalstolz inspirierter Werke, die zu einer Zeit gehören, in denen ein ehrfürchtiger Bürger noch für Kaiser und Vaterland gestorben ist. Zum Glück ist diese Zeit vorbei, vorerst zumindest.

Aber wer weiß schon, was die Kurzdenker in meiner Heimat anstellen werden, ob sie das große Friedensgerüst Europa wieder zerschlagen, nur weil es zur Zeit etwas stürmisch zugeht. Hoffen wir, dass es ein Zank ist, der uns in Europa alle stärker zusammenschweißt. Ich kann mir nicht vorstellen, auf einem Kontinent zu leben, dessen Nationalstaaten auseinanderdriften. Mit den bekannten Folgen. Es sind ja nie die, die am Ende für Fehler wie diese bezahlen. Meist ist es die junge Generation. (Anmerkung sechs Jahre später: Die Angriffe auf die EU haben leider zugenommen. Sie kommen natürlich von rechts, aber ich bin optimistisch, dass sie sich nicht durchsetzen werden. Die Demokratie scheint bisweilen noch zu sehr verankert.)

Vielleicht ist es das Wetter, das mich etwas melancholisch und nachdenklich stimmt. Dabei habe ich heute noch einen wirklich interessanten Ort gesehen. Das Musée de Miniature et Cinéma. Vielleicht heißt es auch anders herum.
In jedem Fall wollte ich eigentlich nur die Eingangshalle sehen, in der einige Stücke ausgestellt sind. Hier gibt es Original-Requisiten aus Filmen und Miniaturausgaben von Räumen aus verschiedenen Zeitaltern. In jedem Fall verbrachte ich bereits 15 Minuten damit, die kleine Gratis-Ausstellung anzusehen, bevor ich mich entschied, das ganze Museum besichtigen zu wollen. Eigentlich ist so etwas nicht im Budget, aber ich bin nun einmal nur jetzt hier und muss die Stunde nutzen. Es regnete auch stärker, so dass ein Museumsbesuch auf der Hand lag.
Schon eine Minute später war ich hellauf begeistert. Ich trat in den Keller ein und sah die Original-Sets aus dem Film „Parfum“. Vielleicht war ich deshalb Feuer und Flamme, weil ich den Film so gut kenne, denn ich erkannte die Requisiten wieder. Der Zylinder, in dem Grenouille einige Damen platziert, um ihren Duft zu konservieren, war darunter, ebenso das Geschäft von Dustin Hoffman und sein Arbeitsplatz, an dem er versucht, Düfte zu identifizieren. Herrlich. Ich las, dass ein Dutzend Menschen ein halbes Jahr gearbeitet haben, um diese Sets zu erschaffen. Beachtlich.
Eigentlich war es fast schon mein Höhepunkt des Museums, aber es ging noch sehr weiter.
Ich sah Originalkostüme aus diversen Filmen. Prätorianer aus Gladiator, ein Nordstaatensoldat aus Lincoln, Robocop, die Mumie, einen Allien, Gismo und viele andere. Natürlich gibt es auch Räume, in denen Stücke aus Horrorfilmen zu sehen sind. Wohlweislich sollten Kinder so etwas nicht sehen. Ich fand das alles eher unecht.
Weiter oben sind die Miniaturräume, die ein Künstler mit einer Liebe und Sorgfalt geschaffen hat, das es eine Freude ist, diese zu entdecken. Mit Hunderten Details hielt ich mich auf, ohne dass es auch nur ansatzweise langweilig wurde. Da ich Fotos machen durfte, werde ich noch so manche Stunde damit zubringen, noch mehr zu entdecken. Ein Buchladen hat es mir besonders angetan, der in der Eingangshalle zu sehen ist. Ich werde ein Foto davon auf dieser Seite veröffentlichen, um die Detailfreude zu zeigen. So habe ich heute aus der Situation das Beste gemacht und einen anständigen Reisetag erlebt. Mehr kann ich nicht erwarten.
Morgen geht es weiter in Richtung Süden. Meine Schwester wird sich mir für einige Tage anschließen, also wird es eine andere Reise sein als sonst. Das ist für mich genauso spannend, denn in den letzten Jahren war ich fast immer allein unterwegs. Menschen scheinen das eigenartig zu finden, was ich aufgrund ihrer Reaktionen zu spüren bekomme. Nicht dass sie garstig wären, eher verwundert. Aber so ist das nun einmal. Morgen dann also wird es anders. Es ist die erste Reise mit meiner Schwester seit 15 Jahren.
Ich bin gespannt.

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