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Endlich ein echter Reisetag.
Durch die vorbeiziehenden Wolken blitzte die Sonne hindurch, und auch wenn es noch kühl war, schien der Spuk der letzten Tage mit einem Mal vergessen. Die Luft roch frisch, wie so oft nach heftigem Regen, und all der Tatendrang, der gestern förmlich fortgespült worden war, kehrte zurück.
Wir hielten uns nicht lange auf dem Campingplatz auf, packten und fuhren ab, in Richtung Gordes. Es waren nur 50 Kilometer, aber ich hatte eine Strecke gewählt, die uns durch die Landschaft führte, durch Täler und Hügel sozusagen. Das dauert einfach ein bisschen länger. Wir genossen es trotzdem, manchmal drohte die eine oder andere Wolke, aber am Ende überwog der Sonnenschein. Einen Trödelmarkt ließen wir liegen, was mich im Augenblick gerade etwas wurmt, denn ich liebe es einfach. Da waren wir nicht spontan genug.
Als wir auf einen der berühmten Orte auf den Hügeln der Provence zufuhren, machten wir es besser. Wir fuhren eine Schleife, um Venasque zu besuchen. Es ist ein herrlicher kleiner Ort voll mit dem alten Charme des Mittelalters. Besonders die Kirche faszinierte mich dieses Mal. Ein wuchtiger romanischer Bau, dem man das Alter förmlich ansieht. Wer weiß, wie viele Gebäude in dieser Kirche stecken und wie sie einst geplant wurde, denn überall entdeckte ich Zeichen dafür, dass alles einmal ganz anders hätte kommen sollen. Viele Bögen sind in den Außenmauern zugemauert, trotzdem natürlich durch die rustikalen Steine deutlich sichtbar. Es sind diese Einzelheiten, die mich faszinieren, so wie Zeichen von Steinmetzen, die ich ab und an finde, Signale aus der Vergangenheit sozusagen, von Menschen, die einst hier gewirkt haben. Wir kennen ihre Namen nicht mehr, auch nicht genau, was sie gemacht oder nicht gemacht haben. Aber einige Zeichen von ihnen haben die Jahrhunderte überdauert. Den wenigsten von uns ist mehr bestimmt als das. Letztlich verwehen unsere Leben wie Fußspuren in der Wüste. Als Schriftsteller stemmt man sich dagegen, wahrscheinlich aber ist das alles müßig und sinnlos. Vielleicht sollte ich mich auf dieses Leben konzentrieren und das, was nach mir kommt, denen überlassen, die dann nach Ruhm und Unsterblichkeit streben. Es scheint mir gesünder.
Wir wanderten weiter durch Venasque. Das Schöne an diesen Dörfern ist, dass sie so klein sind und einen nicht mit ihren Reizen überfordern. So schlenderten wir glücklich durch die Gassen, nahmen an Sonnenschein mit, was uns geboten wurde und fühlten uns wie im Paradies. Ich muss gestehen, dass ich die provencalische Lässigkeit fast vergessen hatte. Vielleicht habe ich sie auch verlernt, denn viel zu früh fuhren wir weiter. Eigentlich muss man sich irgendwohin setzen und bei einem Kaffee das Leben vorbeiziehen lassen. Naja, ich bin ja noch eine Weile hier.

Nach dem erfrischenden Besuch fuhren wir weiter, auf eine Gebirgskette zu, Richtung Col, de Murs, dessen Straße es in sich hatte. Doch die Fahrt war spektakulär, Felsen an den Seiten begleiteten uns und die Landschaft wurde schroffer. Überall sahen wir rote Punkte auf den Feldern, Mohnblumen, die Farbe in die Landschaft zauberten. Auch wenn es klischeehaft klingt, es war einfach zauberhaft.

Dass wir kurz darauf ein Schild zum Abbey de Senang sahen, war eigentlich Zufall. Eigenartig war nur, dass wir wirklich kurz überlegten, ob wir vorbeifahren sollten. Ich weiß manchmal nicht, was in uns fährt, ist es Bequemlichkeit oder Langeweile, die uns so untätig macht. Natürlich bogen wir ab, wir werden schließlich nicht so schnell wieder hier sein. Das ist es, was man immer bedenken muss. So besuchten wir eine der provencalischsten Sehenswürdigkeiten überhaupt.
Natürlich blüht der Lavendel noch nicht, trotzdem ist dieses ehrwürdige alte Kloster so dominant und eindrucksvoll, dass es immer einen Besuch lohnt. Die alten Steine, aus denen es gebaut ist, sind zum größten Teil bereits dunkel und verwittert, was den Gebäuden einen unglaublichen Charme verleiht. Wie muss es erst aussehen, wenn die riesigen Lavendelfelder den Lila-Kontrast versprühen, der so typisch ist für diese Gegend. Ich habe Bilder gesehen, war aber noch nie zur Blüte hier.
Die Anfahrt auf das Kloster ist eigentlich das fantastischste. Da das Kloster noch bewohnt wird, kann man es nur am Sonntag besuchen, muss dabei auf eine Führung warten. Es war der Sonntag vor Pfingsten, so dass an diesem Tag kein Besuch möglich war. Es machte nichts. Wir sahen uns trotzdem um, genossen die Aussichten und erkundeten die Kirche, die vielleicht wegen des Regens der vergangenen Tage roch wie mein Keller zuhause, wenn er mal wieder vollgelaufen ist. Muffig und modrig.

Endlich, gegen Nachmittag, brachten wir die letzten Kilometer hinter uns, die uns in Richtung Gordes führten. Wir ruhten uns etwas aus, machten uns dann auf den Weg in Richtung Dorf. Dabei muss ich sagen, dass wir das spektakulärste an diesem Dorf verpasst hatten. Es sieht bei der Anfahrt von der anderen Seite großartig aus, etwas, das dann zwischen den Häusern verloren geht. Gordes ist auch schlichtweg überrannt. Es gibt Dutzende von Dörfern in dieser Gegend, man kann sich eigentlich seinen Lieblingsort aussuchen. Anscheinend wählen die meisten Menschen Gordes, was man merkt. Die kitschigen Läden sind zahlreich und teuer, viel zu viele Touristen drängen sich in den engen Gassen. Trotzdem lohnt es sich, denn man hat von hier aus einen großartigen Ausblick auf das Luberon. Ich erkannte Roussillon in der Ferne, die roten Steinbrüche und ockerfarbenen Häuser sind unverkennbar. Aber auch Oppède war zu sehen, jene Ruinenstadt, die mich vor Jahren schon in ihren Bann gezogen hat. Bei allen anderen Hügeldörfern war ich mir nicht sicher, ich meine Bonnieux erkannt zu haben. Es könnte auch Lacoste gewesen sein. Es sei denn, ich habe mich vollständig getäuscht.
Gegen Abend dann erwischte uns doch noch der Regen. Heftig ging es zu, wir saßen allerdings bereits im Camper. So ging trotzdem ein herrlicher Tag zu Ende.
Der Morgen, den ich mir für das Schreiben aufgehoben habe, ist der schönste seit Beginn der Reise. Die Sonne scheint ohne Pause. So stell ich mir das vor. So muss es sein. Die Wärme darf kommen.

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