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In der Nacht regnete es. Ich fühlte mich an meine Zeit vor zwei Jahren hier erinnert, eine Reise, die mir wegen des schlechten Wetters und einer verlorenen Kamera mit Hunderten von Fotos in Erinnerung geblieben ist. Es scheint nicht meine Gegend zu sein. Jedenfalls blieb das Zelt trocken, dank meiner selbstgemachten Unterlage aus Industrieplane. Eigentlich blöd, dass man ein Ultralicht-Zelt mit so etwas ausstatten muss, aber 1200 mm Wassersäule sind bei Weitem nicht genug. Leider habe ich das Zelt wohl nicht richtig gespannt, so dass Wasser auf die Plane vor dem Zelt getopft ist und sich eine tiefe Pfütze darauf gebildet hat. Meine Latschen schwammen darin. Keine Katastrophe, denn ich hatte noch meine Wanderschuhe, die das Wasser ausgehalten haben. Trotzdem dumm, denn irgendwie ertrage ich geschlossene Schuhe nur bis zu einem bestimmten Grad im Frühsommer. Es half nichts, im Grunde war ich froh, alles trocken überstanden zu haben.

Es war auch ein wundervoller Morgen, die Sonne schien, so als ob es nie geregnet hätte. So stelle ich mir das vor.

Latte Macchiato, frisches Pain de Campagne – was kann es Besseres geben? Ich lies es langsam angehen, warum auch nicht? Wir sind auf dem Lande und nicht in der hektischen Stadt. Noch nicht einmal Internet habe ich hier, so dass mir die Albträume à la Brexit und Trump an diesen Tagen weit weg erschienen. Sie sind es natürlich nie, aber manchmal muss man das alles auch mal ignorieren.

An diesem Tag wollte ich Limeuil besichtigen, eines der plus beaux villages in Frankreich. Vor zwei Jahren war mir dieser kleine Ort aus irgendeinem Grund entgangen, ich hatte nicht einmal davon Kenntnis genommen. Gegen elf setzte ich mich also auf das Rad und fuhr los. Es sollten nur ca. 6 KM sein. Meine Beine sind jedoch nicht an die Steigungen gewöhnt, so dass ich meine Schwierigkeiten hatte voranzukommen. Ich könnte alles auf das billige Rad schieben, aber das nimmt mir keiner ab. Am wenigsten ich selbst. An einem besonders steilen Abschnitt entschloss ich mich dazu, das Rad zu schieben. Auch ich habe meine Grenzen und ganz sicher keinen Stolz. So schob ich zweihundert Meter, dann konnte ich weiterradeln. Ich spürte jedoch die relativ kurze Strecke bereits in den Oberschenkeln. Das kann ja heiter werden, wenn ich mal die 20 KG Gepäck aufgesattelt habe. Aber darüber mache ich mir später Gedanken.

Ich erreichte Limeuil bei strahlendem Sonnenschein. Das kleine Dorf liegt am Zusammenfluss von Dordogne und Vézère eine einst strategisch wichtige Stelle. Der Ort selbst ist schon seit Jahrtausenden bewohnt aber das ist hier keine Seltenheit. Durch ein Eingangsportal betrat ich das Dorf, das sicher einst eine Stadt darstellte. Die krummen Häuser aus Steinen der Umgebung begleiteten mich auf dem steilen Weg nach oben. Das Rad hatte ich unten abgestellt, nicht ohne schlechtes Gewissen, ob es nicht wieder gestohlen werden würde. Ich denke, dass mich diese Erfahrung noch lange begleiten wird.

Jetzt aber genoss ich erst einmal den Spaziergang durch das Dorf. Blumen sprossen durch die uralten Mauern hindurch, Mohn blühte und noch einiges andere, das ich nicht kannte. Die wilde Schönheit an den schroffen Gemäuern wirkte ungestellt und echt. Ich erreichte den jardin panoramique, den ich mir bestimmt geleistet hätte, wenn mir dieses Malheur mit dem Rad nicht geschehen wäre. Ich dachte darüber nach, dann aber entschied ich mich dagegen. Strafe muss sein, ebenso wie Verzicht in solchen Augenblicken. Immerhin erkundete ich die wuchtige Kirche. Ähnliche Exemplare hatte ich in der Gegend schon öfter gesehen, in Audrix, Les Eyzies und Le Campagne. Ganz sicher waren das einst Wehrkirchen. Ich blieb noch eine Weile im Innern, erinnerte mich an eine Zeit, in der ich noch so etwas wie einen Glauben gehabt haben muss, der sich im Laufe der Jahre verflüchtigt hat. Diese Welt ist gottlos. Kein höheres Wesen könnte derartig zynisch so viel Leid auf dieser Welt erschaffen. Die ganze Evolutionsgeschichte ist ein einziges grausames Experiment, das Millionen an nicht lebensfähigen Geschöpfen hervorgebracht hat, die nur eines wollten: Leben. Wie teuer das Wunder der Natur doch erkauft ist. Und als vorläufigem Höhepunkt steht also der Mensch, dieses Wesen, das sich als rationales Wesen partout nicht von seiner tierischen Vergangenheit trennen möchte und somit halbherzig immer neue Leiden auf der Welt kreiert. Aber ich weiche ab.

Nach solch finsterem Gedanken wanderte ich das Dorf ab, fotografierte malerische Motive, bekam sogar so etwas wie einen Panorama-Blick geboten, als ich mich auf einen schmalen Pfad hin zu einem Potager begab. Weiter oben, in den Gärten, muss der Ausblick einmalig sein. Heute aber muss das genügen, was ich zu Gesicht bekam.

Ich glaube, dass ich nicht viel länger als eine Stunde unterwegs war. Läger braucht man wohl nicht für die Erkundung eines Dorfes dieser Größe. Die Lage am Fluss jedoch war ebenso einzigartig wie Limeuil selbst. Die Franzosen stellen zum Glück überall Picknicktische auf. Es roch nach der schweren feuchten Erde, die Flüsse flossen fast lautlos dahin. Menschen badeten und unterhielten sich hier. Ich schrieb meinen Bericht für den gestrigen Tag. Am Ende machte ich mich wieder auf den Rückweg, der nun beinahe die ganze Zeit bergab führte. War ich auf der Hintour wirklich die ganze Zeit nach oben gefahren? Es schien fast so. Unterwegs hielt ich noch bei einer kleinen Kirche an, die eindrucksvoller, weil älter und rustikaler war als die in Limeuil. Der Friedhof erweckte meine Aufmerksamkeit. Familiengräber erzählen oft Geschichten. Mütter, die ihre Söhne begraben mussten, Frauen, die ihre Männer um Jahrzehnte überlebten. Wahrscheinlich nichts Außergewöhnliches, trotzdem sehen Individuen das natürlich anders. Es sind die Tragödien, die wir im Leben sammeln und die uns letztlich zu dem machen, der wir sind. Ich sehe das nicht heroisch, sondern durchaus mit einem großen Funken Misstrauen. Denn die jugendliche Leichtigkeit geht im Laufe eines Lebens leider oft verloren. Ihr hinterherzutrauern ist angemessen. Denn meist hat man keine Möglichkeit, sie zurückzubekommen. Bei mir ist das relativ egal, ich hatte sie nie, nicht als Jugendlicher, nicht jetzt. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es so ist.

Am späten Nachmittag kehrte ich zurück zum Platz, trank einen Kaffee, den ich dringend brauchte, und lief abends nochmals durch Le Bugue. Es ist ein schöner Ort, ebenfalls atmosphärisch, wenn auch mit einem leichten Hauch von städtischer Größe, so dass der Charme eines Dorfes wie Limeuil fehlte, und die Größe nicht ausreicht, um dem Ort etwas zu geben, was wir als “Buzz” bezeichnen könnten. Trotzdem bin ich gerne hier, habe ich doch inzwischen acht Krimis von Martin Walker gelesen. Morgen werde ich noch einen Tag hier verbringen, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich machen möchte. Die Gegend scheine ich nun wirklich abgegrast zu haben, schon weil ich vor zwei Jahren so viel Zeit hier verbracht habe.

 

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