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Gestern also verabschiedete ich meine Schwester im Chaos von Toulon. Schon am Morgen war es windig gewesen, der Mistral blies noch zurückhaltend, was sich wenige Stunden später ändern sollte. Erst spät waren wir abgefahren, was ich nie besonders mag, denn oft wird nicht mehr viel aus dem Tag. Gestern machte es nichts, denn irgendwie wollte ich einige Dinge erledigen, Aufräumen, Putzen, Verstauen, alles eben, wozu ich sonst wenig Lust verspüre, weshalb ich auch nichts dergleichen gemacht habe. Das Einzige, das sich lohnt zu erzählen, war ein Fast-Unfall. Ich glaube nicht, dass ich jemals im Leben schon eine solch gefährliche Situation erlebt habe. Ich fuhr eine kurvenreiche Bergstraße bergauf, plötzlich schnitt mich ein entgegenkommender LKW mitten in der Kurve. Ich hatte keinen Platz zum Ausweichen, wäre sicher gegen die Felsen rechts neben mir gefahren, hätten wir beide nicht sofort angehalten. Es war eine Reaktion, nicht mehr, als wir zum Stehen kamen, klappte gerade mein Außenspiegel gegen den LKW. Ich atmete durch, das konnte alles nicht sein. Wenig Platz blieb mir zum Manövrieren, ein Graben neben mir, die Felsen, der LKW. Irgendwie schaffte ich es, mich rückwärts aus dieser Situation zu befreien. Um ehrlich zu sein, bin ich mir heute noch keiner Schuld bewusst. Der LKW stand anderthalb Meter in meiner Bahn, ich sah nicht, was ich hätte anders machen können, außer das, was ich getan habe. Mein Außenspiegel hat einige Kratzer am Rand, sonst ist nichts passiert. In jedem Fall kamen wir jetzt gut aneinander vorbei, der Brummifahrer lächelte noch einmal kurz, dann passierten wir einander. Ich spürte keinen Ärger, es ist wahrscheinlich eine dieser Situationen im Leben. Sollte ich das nochmal erleben, stoppe ich früher. Hätte ich die Kurve später erreicht, wäre es nicht dazu gekommen.
Der Wind blies jetzt wesentlich stärker. Die gefährlichste Strecke hatte ich hinter mir, fuhr jetzt an einer Küstenstraße bei St Tropez entlang. Wenn der Mistral nicht so gewütet hätte, wäre ich sicher ausgestiegen. So aber verspürte ich wenig Lust, mich dieser Gewalt auszusetzen. Den Campingplatz erreichte ich also mittags, wo ich auch die ganze Zeit in vollkommener Entspannung blieb und von meinen Vorräten zehrte, denn das Einkaufen hatte ich irgendwie verdrängt.
In der Nacht wurde der Wind noch stärker. Wenn ich es mir überlege, ist mir Regen fast lieber, denn ich konnte nur schlecht schlafen. Es war ein Getöse draußen, der Wagen wackelte und ließ mir keine Ruhe. Auch wurde es kalt, unangenehm zog es durch jede Ritze im Transit, von denen es eine Menge zu geben schien. Morgens erwachte ich gerädert und spät für meine Verhältnisse. Noch immer stürmte es gewaltig, so dass ich versucht war, auch diesen Tag im Wagen zu verbringen. Zum Glück entschied ich mich dagegen. Gegen halb Zwölf ignorierte ich alle äußerlichen Gründe, mich nicht zu bewegen und schnallte das Rad ab. Der Mistral zog und zerrte an mir, während ich nach St Arguil fuhr. Als ich ankam, sah ich den Markt. So also streunte ich an den Ständen vorbei, kaufte in einem Anflug von Verkitschtheit eine Tischdecke, die zu nichts in unserer Wohnung passt, und bestaunte die lokalen Köstlichkeiten. Frischer Knoblauch wurde angeboten, den ich morgen einmal mit Nina probieren muss.

Fréjus

Immer wieder sah ich das Meer, das aufgeschäumt, aber nicht wirklich wild war. Vielleicht lag es daran, dass der Wind vom Land her kam. Anders herum wäre es sicher schlimmer gewesen. Ich machte mich also auf den Weg nach Fréjus, wurde aber aufgehalten. Vielleicht liegt es an meinem Morbus-Menier-Schwindel, dass ich so etwas nicht merkte, aber ich schwankte auf dem Rad. Der Wind blies so heftig von der Seite, dass ich erstens kaum vorwärts kam, zweitens beinahe vom Rad geblasen wurde. Gestern bin ich einer Gefahr entkommen, da muss man seinen Schutzengel nicht nochmals herausfordern, dachte ich, also drehte ich um. Ich suchte eine geschützte und schattige Stelle zwischen den Felsen am Meer und lunchte erst einmal. Baguette, Salami, Orange. Braucht man mehr zum Glücklichsein? Ich nicht.
Ich blieb eine gute Stunde, las „Der Untertan“, den ich etwas vernachlässigt hatte, und genoss die Stille.
Mit einem Mal ließ der Wind nach. Ich weiß nicht, wie so etwas kommt, aber als hätte jemand ein Brett davor gelegt. Es hörte nicht ganz auf, aber es war kein Vergleich zu vorher. Also entschied ich mich, doch noch nach Fréjus zu fahren. Und hier sitze ich nun, auf dem großen Platz vor der alten romanischen Kirche, genieße die mediterrane Stimmung und schreibe an diesem Journal. Da ich schon einmal hier war, verspüre ich kaum Lust auf die Sehenswürdigkeiten dieses Ortes. Es genügt, das Leben an mir vorüberziehen zu lassen. Natürlich habe ich noch etwas zutun heute, muss all das machen, was ich gestern versäumt habe. Aber das wird wohl nicht so lange dauern, hoffe ich. Mal sehen, ob es heute Abend schön genug ist, um draußen zu sitzen. Es sind noch angenehme 20 Grad, von der großen provencalischen Hitze sind wir aber meilenweit entfernt. Vielleicht ist es besser so, denn auf diese Weise habe ich mehr Energie. Und für Nina ist es auch besser.
Vielleicht schlendere ich noch ein wenig weiter durch den Ort, bald aber suche ich den Weg zurück. Morgen dann kommt die nächste Etappe meiner Fahrt. Diese Reise ist so anders als alle anderen bis jetzt. Sie ist von vielschichtiger Begleitung bestimmt, immer sind es Erfahrungen, weil die Menschen, mit denen ich reise, so unterschiedlich sind. Lange Jahre habe ich viel Zeit allein verbracht. Das werde ich auf dieser Fahrt auch noch tun. Aber im Augenblick genieße ich auch mal die Gesellschaft. Sicher, das Schreiben geht nicht so gut von der Hand, weil ich anscheinend doch wesentlich mehr Zeit zum Nachdenken verwende. Aber sei es drum. Dafür ist in zwei Wochen auch noch Gelegenheit. Morgen also fahre ich wieder nach Nizza. Dieses Mal dann werden wir uns die Stadt ansehen. Es ist für mich lange Jahre her. Ich freue mich schon darauf.

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