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Es wird wirklich wärmer. Frühling, Sommer, so lange haben wir gewartet. Nun scheint er wirklich angekommen. Wie oft habe ich das auf dieser Fahrt schon behauptet? Jeden Tag? Vielleicht. So sieht Verzweiflung aus.
Schon die Nacht war mild, morgens musste ich mich beim Frühstück bereits eher in den Schatten setzen. Das ist großartig, macht uns allen Freude, die man auf dem ganzen Campingplatz und meiner Erachtens auch in den Orten spürt.
So also begann der Tag, der uns nicht nur wettertechnisch Freude brachte. Wir hatten uns entschieden, eine Burg – oder auch Dorfruine aufzusuchen. Es ist immer wieder faszinierend, wie vielseitig diese Gegend ist. Kaum kommt man aus den teils verschlafenen Dörfern heraus, offenbarte sich uns eine karge, wilde, aber auch wunderschöne Landschaft. Garmin schickte uns in Richtung Saignon, bevor es uns einen gewaltigen Streich spielte und uns auf einen schmalen Weg schickte. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn wir einem anderen Fahrzeug begegnet wären, denn der Platz schien an vielen Stellen kaum für die Transe zu reichen. Natürlich war es meine Schuld, denn ich hatte den Weg nicht auf der Karte angesehen, sonst hätte ich bemerkt, dass wir eine wesentlich breite Straße hätten nehmen können. Sei es drum, so jedenfalls erlebten wir ein kleines Abenteuer. Wir schraubten uns auf diesem schmalen Pfad in die Höhe, bis wir auf einer Art Plateau angelangt waren. Rechts und links sahen wir Lavendelfelder, die natürlich noch nicht blühten, daher einen abweisenden, stacheligen Eindruck machten, wenn wir näher hinsahen. Bald schon bogen wir wieder ab, in Richtung Buoux, einem winzigen Dorf, dessen altes Zentrum, bzw. Burgruine wir sehen wollten, das schon vor Jahrhunderten zerstört worden ist. Alles im Namen der Religion übrigens. Jesus würde sich im Grabe umdrehen. Oder vom Kreuz absteigen, was mir vielleicht lieber wäre.
In jedem Fall parkten wir erst einmal im „neuen“ Buoux, das auch schon seit dem sechzehnten Jahrhundert existieren dürfte. Eigentlich besteht es nur aus einer kleinen Ansammlung von Häusern. Von hier aus wollten wir zu den Ruinen, die wir nicht weit wähnten. Falsch gedacht. Auf einer verblichenen Karte meinte ich herauszulesen, dass wir nur ein Stück der Straße folgen müssten. Das taten wir, bis wir den Fluss Aigue Brun erreicht hatten. Ein traumhaft schönes Tal öffnete sich vor unseren Augen. Canyons, die der Fluss kreiert hat, abgeschliffen und hoch, so weit das Auge reichte. Dazu üppige Natur, viele Grüntöne, die mit den schroffen Felsen ein einmaliges Bild abgaben. Aber von den Ruinen sahen wir nichts. An die zwei Kilometer waren wir auf dem nicht gerade angenehmen Teer der Straße entlang marschiert, komischerweise immer nach unten, was mich stutzig machte, denn eine Burgruine erwartete ich doch eigentlich immer oben. Irgendwann drehten wir um, als wir sahen, dass es noch tiefer ging.
Das war ein Fehler.

Eindrücke in und um Buoux

Denn als wir das neue Dorf wieder erreichten, schickte uns ein netter alter Franzose wieder zurück. Dieses Mal nahmen wir das Auto und merkten, dass wir nur zweihundert Meter weiter hätten wandern müssen, um zumindest zu verstehen, dass wir auf dem richtigen Weg gewesen waren. Es war schon eigenartig, dass wir erst ganz nach unten zum Fluss mussten, bevor wir einen anderen Teil der Schlucht wieder hinaufsteigen mussten. Wir stellten den Wagen auf einem der Parkplätze ab, die an diesem Sonntag alle recht belegt waren. Von hier aus beobachteten wir Bergsteiger, oder besser Kletterer, die an den steilen Hängen emporstiegen. Ein El Dorado sicher für diejenigen, die diesen Sport ausüben. Ein wenig schmerzlich wurde ich mir meine Meniere-Krankheit bewusst. Ich würde das Klettern auch gerne ausüben. Aber da ich es in den ersten vierzig Jahren meines Lebens nicht getan habe, kann ich dieses Versäumnis nun schlecht auf meinen Schwindel schieben. Wir erreichten jedenfalls den Eingang zu den Ruinen, mussten weiter ansteigen. Wir kamen an überhängenden Felsen vorbei, in denen jeder Ton hallte. Erst später erfuhren wir, dass Höhlenmenschen vor Tausenden von Jahren hier gewohnt haben, so wie übrigens im ganzen Tal. Es ist erhebender Gedanke.
Nach einigen Hundert Metern erreichten wir das Ticket-Office. Eine alte Dame händigte uns lächelnd die Eintrittskarten aus, bevor sie sich wieder ihrem entzückenden Cottage-Garten zuwendete. Ein kleines Paradies hier oben.
Jetzt stiegen wir in Fels gehauene, unebene Stufen empor. Es war ein echtes Abenteuer und ich war froh, relativ festes Schuhwerk zu tragen. Immer höher kletterten wir, bald schon hatten wir die erste Mauer erreicht. Das wirklich fantastischste an diesem Besuch ist wie so oft der Ausblick. Aber auch die Ruinen an sich. Sie erzählen eine uralte Geschichte, die wir heute kaum hören können, weil wir sie nicht verstehen. Trotzdem spürt wohl jeder, der herkommt, die Mystik, das Geheimnisvolle, von denen diese Orte fast immer beseelt sind. Wir liefen vorbei an in Fels geschlagene Wohnungen, sahen Grundmauern von Häusern, die gut ausgeschildert waren.Immer wieder ergötzten wir uns an den Panoramablicken auf die Täler. Meist ist es so, dass eine Burgruine die Gegend irgendwie dominiert. Hier jedoch ist es nicht so, denn die anderen Felsformationen sind einfach viel zu vordergründig und malerisch, die Ruinen rücken fast in den Hintergrund. Vielleicht habe ich sie deshalb von der Straße aus nicht wahrgenommen, obwohl ich es wahrscheinlich hätte tun können.
Beeindruckend war die Kirche, die viele Stilelemente zu beherbergen schien, auch wenn ich nur einige gotische Bögen erkennen konnte. Nun, es ist nur eine Ruine, es stehen einige Grundmauern, mehr nicht. Wir kamen an alten Vorratsgefäßen vorbei, allesamt tief in den Fels geschlagen. Eine beeindruckende Leistung.
Ein altes Dorf war ausgeschildert, auch wenn wir viel Fantasie benötigten, um es zu „sehen“ Die Mauern jedoch, die den zweiten, dritten und vierten Schutzwall bildeten, sind eindeutig zu erkennen. Es muss eine schwere Trutzburg gewesen sein. Noch immer sind die Schießscharten zu sehen, auch die Gräben und eine Zugbrücke, zumindest dem Namen nach, die Feinden das Leben schwer gemacht haben dürften. Ganz oben, nach vielen Metern unwegsamen Geländes, erreichten wir einen Turm, der den Abschluss bildete. Ganz oben auf dem Felsen, von wo aus wir noch besser in die Ferne blicken konnten. Andere Felsformationen lagen beinahe unter uns, in einiger Entfernung sahen wir einen dünnen Felsen, auf dem einige Kletterer pausierten. Vielleicht haben sie sich hier zum Lunch verabredet? Stilvoll.
Nach einiger Zeit stiegen wir wieder ab, genossen noch diesen geheimnisvollen Ort, der Jahrtausende bewohnt gewesen ist, auf die eine oder andere Art. Wir waren glücklich, vielleicht auch, weil es ein perfekter Tag war, ohne Wind, ohne Regen, warm, aber nicht heiß. In jedem Fall beschlossen wir, in Saignon noch einen Kaffee zu trinken, um sozusagen anzustoßen. Grandios. Abends fielen wir einfach ins Bett, viele Eindrücke, viel Bewegung, und waren beide erstaunt, wie vielseitig die Provence ist. Wer sich hier langweilt, ist selbst schuld.
Muss ich mal sagen.

Fort Buoux

Saignon

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