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Ein Tag der Farben.
Da wir mit Gordes, Roussillion, Oppede usw. die – sagen wir – am besten bekannten Attraktionen in dieser Gegend bereits bewundert haben, wenden wir uns den etwas weniger bekannten, aber in keiner Weise weniger spektakulären zu. Es ist diese Art, sich mit einem Landstrich zu beschäftigen, der Zwang, Neues zu entdecken, ist so groß, dass wir immer wieder etwas ausprobieren und immer wieder auf das Angenehmste überrascht werden.
An diesem Tag war Le Colorado unser Ziel. Das Dorf Rustrel, das in der Nähe des kleinen Naturparks liegt, fuhren wir ebenfalls an. Auf einem großen, jedoch recht einsamen Parkplatz, stellten wir den Camper ab, kaum ein Tourist hatte sich hierher verirrt. Sehr angenehm. So fanden wir auch das Dorf vor. Ruhig, entspannt, von den großen Horden verschont. Vielleicht auch eine Spur ärmer, ich weiß es nicht. Dennoch konnte ich nicht anders, als es mit Roussillon zu vergleichen, auch wenn die Farbe der Häuser hier natürlich anders ist, eher rustikaler Stein, krumm durch das Alter, weniger farbig allgemein. Trotzdem mit Charme, der das Ursprüngliche aufweist. So unentdeckt ist Rustrel nicht, aber an diesem Tag war es still. Die Olivenmühle fanden wir wieder nicht, wahrscheinlich ist sie nur zur Haupturlaubszeit geöffnet, wenn man diese Gegend ganz sicher meiden muss.
Wir schlenderten weiter durch das Dorf, entdeckten bald darauf den Weg zum Colorado. Man kann eigentlich an einem Wanderweg dorthin gelangen, aber wir folgten der Straße. Erst auf dem Rückweg bemerkten wir unseren Fehler. Einfach bei der Post ein Stück weiterlaufen, dort ist der Wanderweg ausgeschildert.
Wir wussten nicht recht, was uns erwarten würde. Natürlich hatten wir von Weitem bereits die Steinbrüche gesehen, die in allen Ockerfarben leuchteten. Das ist die Attraktion hier, die Welt der Farben, aber anders als in Roussillon. Nach einem Kilometer Fußweg erreichten wir den Eingang zum Park. Eigentlich war ich darauf eingestellt, Eintrittspreis zu zahlen, aber die Franzosen haben es anders geregelt. Das Parken kostet. Nun, den Camper hatten wir nicht dabei. So also sparrten wir uns das Geld.

Rustrel

Die Sonne lachte übrigens aus vollem Herzen, was diesen Tag noch angenehmer gestaltete. Wir hatten keine Ahnung, was uns wirklich erwarten würde. Es gab drei Wege, denen man folgen konnte, instinktiv wählten wir den ersten. Es ist übrigens, wie wir später feststellten, der längste, der an allen Attraktionen vorbeiführt. Ich war nicht sicher, denn der Weg eins führte uns scheinbar in eine andere Richtung. So liefen wir durch Wald und Natur einen Pfad entlang, stiegen fast unmerklich immer höher. Bis, ja bis wir endlich einen Aussichtspunkt erreicht hatten. Unser Blick schweifte über eine Felslandschaft, eher cremefarbig, doch bizarr, mit verwitterten Formationen und weißem Sand unter unseren Füßen. Man kann es nicht wirklich mit den Ockersteinbrüchen in Roussillon vergleichen, denn das hier ist eher ein Park, in dem es eben auch viele sehenswerte Farben und Formationen zu entdecken gilt. Aber auch das Wandern ist groß geschrieben, es ist ein Gesamterlebnis, auf geführten Wegen, wenn man es so will. Wir folgten weiter dem ersten Weg, mal bergauf, mal bergab, und erfreuten uns an der Natur. An einem Punkt müssen wir uns etwas verlaufen haben, aber nur wenige Minuten später waren wir wieder richtig. Alles ist gut ausgeschildert, auch an Gabelungen, was das Wichtigste ist. Wir erreichten einen Punkt, der „le deser blanc“ hieß. Sehr passend, eine weiße Wüste. Immer wieder ragten Felsen wie Statuen empor, in den schönsten Rot – oder Gelbtönen. Irgendwann führten die Wege zusammen, erst der zweite, dann auch der dritte. Hier erst verstanden wir, dass wir den längsten gewählt hatten. Glück gehabt, denn auf diese Weise haben wir praktisch den ganzen Naturpark durchlaufen. Kurze Zeit später kam der spektakulärste Teil. Eine wahre Explosion an Farben, die wir uns durch die Wanderung verdient und auf die unsere Sinne sich hatten vorbereiten können. Von hoch oben blickten wir auf eine Art Steinbruch hinunter, der sich Hunderte Meter weit erstreckte. Wir sahen Farben, Hunderte von Farben, vom Café Macchiato bis hin zum tiefsten Rot wie in afrikanischen Wüsten. Bizarre Gebilde erblickten wir, Miniaturen vom Ayers Rock bis hin zu phallischen Symbolen in der Landschaft. Natürlich würde uns der Weg näher an diese Formationen heranbringen, an diesem Punkt wollten wir das auch. Aber erst mussten wir absteigen, immer am Abhang entlang. Dann standen wir direkt in dieser farbigen Märchenlandschaft, genossen das Spiel des Ockers in allen seinen Daseinsformen. Es ist kaum zu beschreiben, so ungewohnt und mitunter unnatürlich sieht es aus. Doch alles ist natürlich entstanden. Keine Menschenhand hat hier eingewirkt, außer natürlich beim Abbau des begehrten Ockers. Somit hat der Mensch zumindest dafür gesorgt, dass dieses Schauspiel heute so zu sehen ist. Man braucht allerdings kein Hellseher zu sein, um zu merken, dass das alles sehr endlich ist. Erosion frisst an den Skulpturen, deren Material weich ist. Aber diese „Kunstwerke“ sind eben nicht für ewig, was auf die meisten ihrer Art zutrifft. Nur sind diese wesentlich schneller verschwunden, als diejenigen, die aus hartem Material gestaltet sind. Am Ende wird Wind und Wasser alles forttragen. Ob wir es wollen oder nicht.
Wir hielten uns noch lange in dieser Landschaft auf, die wir immer neu zu entdecken schienen. Schon waren wir beinahe drei Stunden unterwegs. Das Zeitnehmen ist hier also das Geheimnis.
Langsam traten wir den Rückweg an, beseelt durch das freudige Farbenspiel, das ich auch heute, einen Tag danach, nicht vergessen habe. Jetzt fanden wir den richtigen Weg in das Dorf zurück.
Recht unspektakulär gingen wir noch einkaufen. Ich weiß auch nicht warum, aber unser Weg führte uns zu einem Hypermarché in Apt, etwas, das uns beide immer wieder fasziniert. Diese riesigen Gebilde, diese Konsumtempel, in denen es alles gibt, was man braucht, oder was man begehrt, aber nicht braucht. Ich bin gerne hier, allerdings kaufe ich selten etwas. So auch heute, einige Lebensmittel für den Abend, dann viele Minuten umsehen. Beinahe wie Sightseeing. Wir haben so etwas in Deutschland nicht, wahrscheinlich liege ich damit aber falsch. Egal, hier ist es anders.
Langsam, ganz langsam, neigt sich unsere Zeit im Luberon dem Ende entgegen. Noch einige Tage sind es allerdings, dann muss Nina zurück nach Berlin. Ich werde weiterfahren, mir endlich meine dringend benötigte Zeit allein nehmen. Ich brauche so etwas ab und zu. Ich möchte es nicht Urlaub nennen, denn diese Zeit ist oft vom Schreiben oder zumindest vom Sammeln von Ideen geprägt. Aus diesen Wochen im Jahr schöpfe ich meine Schaffenskraft.
Mehr als ich es jemals zuhause könnte.

Le Colorado Provençal

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