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Unser letzter Tag, den wir im Luberon verbringen, ist angebrochen. Es ist eigenartig, eigentlich wollten wir nach drei Tagen weiter, in Richtung Arles, aber das hat sich erledigt. Nina war zu begeistert, und ich habe ihr die Freude gemacht, einfach dazubleiben. Wir wurden königlich dafür belohnt, denn es gab so viel zu sehen, so dass uns nicht eine Sekunde langweilig war. Wir hätten auch noch viele Tage länger bleiben können, immer Neues entdecken können. Vielseitigkeit und Lieblichkeit, in einer einzigen Region vereint. Ein perfekter Urlaub. Man muss nicht immer in der halben Weltgeschichte umherhüpfen, oft genügt auch die Konzentration auf das Wesentliche, in diesem Fall auf das Luberon. Morgen aber müssen wir abfahren, damit Nina wieder pünktlich in Nizza ist, um ihren Flug nach Berlin zu nehmen. Für mich gilt es dann, eine andere Region zu erkunden. Mal sehen, welche es letztlich wird.
Diesen letzten Tag wollten wir nicht überfrachten, einige Einkäufe waren zu erledigen. Auch wollten wir noch einen Ort sehen, den uns einige Holländer auf dem Campingplatz empfohlen hatten. Goult, das ebenfalls nicht im Rough Guide steht. Warum eigentlich nicht? Es ist ein Reiseführer nur für die Provence und Côte d’Azur, also könnten diese sehenswerten Dörfer doch auch alle erwähnt werden? Sie sind oft genauso sehenswert und schön wie zum Beispiel Menerbes oder Lacoste. Aber es ist egal, so lange sie nur Geheimtipps sind, ist es auch gut.
Allerdings, so war mein Eindruck, ist Goult durchaus bekannt. Als wir und der Transit uns wieder einmal die Straße emporgeächzt hatten, trafen wir viele Holländer und Engländer, die den Ort zu beherrschen schienen. Jedenfalls sammelten sie sich in dem einzigen Café an der Hauptstraße, ein gemütlich aussehendes Lokal. Uns stand der Sinn allerdings eher nach Schönheit, so dass wir vorbeigingen. Es war ohnehin zu früh für einen Kaffee. Weit kamen wir nicht. Ich sah den größten und schönsten Basilikumstrauch, den ich je gesehen habe. Er kostete drei Euro, das war es mir wert. Den musste ich haben. Nina kaufte Trüffelöl für Freunde, auch Vinaigre. Alles produit artisane, also die perfekten Geschenke. Wir trabten zurück zum Camper, um erst einmal alles zu verstauen, dann wagten wir einen erneuten Besuch. Zehn Minuten später kamen wir wieder an den Geschäften vorbei. Sie waren alle geschlossen. Die Inhaber hatten sich im Café versammelt, wir grüßten freundlich. Das machte natürlich unseren Besuch einfacher, denn auf diese Weise wurden wir nicht mehr in Versuchung geführt, etwas zu kaufen.

Goult ist herrlich rustikal. Immer wieder entdeckten wir malerische Ecken, die häufig mit Blumen und Pflanzen verziert waren. Oft blieb ich stehen, um Fotos zu schießen, immer in der Hoffnung, dass vielleicht das eine oder andere etwas werden könnte. Irgendwann stießen wir auf eine alte, aber gut restaurierte Mühle. Moulin de Jerusalem. Keine Ahnung, warum sie nach der Hauptstadt Israels benannt ist. Dort steht eigentlich eine recht ausführliche Beschreibung, aber nur auf französisch. Zu viel Lektüre strengt mich doch noch etwas an, vielleicht auch, weil ich die letzten Wochen doch eher auf deutsch unterwegs war. Es ist ein bisschen schade, aber ich habe ja noch einige Zeit allein in diesem Land, um an meinen Kenntnissen zu feilen.
Wir gingen an der Mühle vorbei, weil uns ein Schild auf „terrasses“ aufmerksam machte. Wir wussten nicht, was uns erwarten würde, was wir entdeckten, hätten wir nie erwartet. Es ist ein altes Bewirtschaftungssystem, am Hang befinden sich Terrassen, die durch Trockenmauern, alle kunstvoll errichtet, gehalten werden. Ab und an sahen wir die berühmten „Bories“, die es auch in Gordes gibt, einfache Häuser für die Landarbeiter. Es ist ein wilder Garten, voller Olivenbäume und Mohnblumen. Auch Mandelbäume sahen wir, wenn wir die Beschreibungen richtig verstanden haben. Es war jedenfalls ein schöner Rundgang, von dem aus wir die Landschaft des Luberon erneut entdecken konnten. In der Ferne sahen wir Bonnieux, aber auch Menerbes, das ich noch nie von woanders aus gesehen hatte. Auch Oppede entdeckten wir, die alte Kirche hoch über der Ruinenstadt ist eindeutig zu erkennen. Meine Nase ist ja nicht der beste, aber an diesem Tag nahm selbst ich den intensiven Geruch der Natur wahr. Rosmarin und andere wilde Kräuter, vielleicht auch die Bäume selbst, ich meine, dass es wirklich trocken-holzig roch. Es war ein schöner Rundweg. Bald befanden wir uns wieder in dem Ort, entdeckten immer neue Einzelheiten. Ein schöner Garten mit überwachsener Pergola und Landhausstühlen und einem Steintisch, den Burgturm des Schlosses, der wirklich prägnant ist und immer neue Gassen. Keine Ahnung, warum Goult in Reiseführern nicht erwähnt wird. Am Schluss sahen wir uns noch die Kirche an, ein schlichter romanischer Bau, der aber noch einige andere Stilrichtungen aufwies. Es ist eigenartig, wie Bauherren das Gebäude verändert haben. Manchmal wirken Fenster zu hoch, weil einfach ein Bogen hinzugefügt worden sein muss. Eine Rosette ist so nah an einer Mauer, dass es jedem klar sein muss, dass hier jemand einfach einen weiteren Teil angebaut hat. Geschähe das heute, würde ich es als lieblos und vielleicht sogar respektlos bezeichnen. Da aber selbst die neuen Mauern schon Jahrhunderte alt sind, ist mein Urteil milder, auch, weil es zur Schrulligkeit der Kirche beiträgt. Es ist ein wirklich interessanter Bau, an dem sich jeder mal ein wenig hat beteiligen dürfen.
Nach unserem Besuch lunchten wir auf dem Bouleplatz. Einfach, mit Pain de Campagne, Käse und Salami.
Danach fuhren wir noch zu Leclerc, um unsere Vorräte zu ergänzen. Eine besondere Flasche Rosé aus dem Vertoux-Gebirge soll das passende Abschiedsgetränk werden. Morgen dann geht es wieder an die Küste, in die Nähe von Antibes. Dann heißt es wieder: allein Reisen. Ein Teil von mir freut sich darauf. Ein anderer wird Nina vermissen. Es ist gut so. In jeder Hinsicht.

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