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Ein Tag, auf den ich lange gewartet habe. Vor genau einer Woche habe ich Lascaux besucht, nun sollte die zweite große Sehenswürdigkeit dieser Reise auf dem Programm stehen. Vieles im Périgord kann man gratis machen, Märkte besuchen, Wandern, die Landschaft oder interessante Dörfer oder Städte besichtigen. Aber manchmal lohnt es sich auch, die Eintrittsgelder zu bezahlen. 19 Euro sollte ein Ticket kosten, für Castelnaud und die Gärten von Marqueyssac. Vielleicht hätte ich mir mehr angeschaut, wenn die dumme Sache mit dem Rad nicht passiert wäre. Wahrscheinlich aber nicht. Aber ich glaube, das habe ich bereits erwähnt.

Ich beeilte mich morgens, auch wenn es ziemlich nebelig war. Ich ahnte, dass es ein schöner Tag werden würde. Es war eher Recherche, denn Ahnung, denn die Wettervorhersage schien ziemlich eindeutig. Bald schon verzog sich der Nebel und der beinahe wolkenlose Himmel präsentierte sich. Also fuhr ich los. Die Fahrt stellte sich als kurz heraus, denn Castelnaud konnte ich vom Campingplatz aus sehen. Keine zwei Kilometer waren es, also eigentlich nebenan. Ich hätte laufen können, wenn es einen schönen Weg gegeben hätte. Gab es aber nicht, soweit ich das sehen konnte, nur eine geteerte Bundesstraße. Ich stellte das Rad im unteren Teil des spektakulären Ortes mit der thronenden Burg ab. Wieder ein plus beau village. Das scheint hier Standard zu sein. Wieder allerdings hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen des Rades. Ich betone es viel zu oft, denn ich hoffe, diese Paranoia irgendwann wieder loszuwerden. Trotzdem, was soll hier geschehen? Es ist nicht Bordeaux.

Dann begann der Aufstieg.

Es war ziemlich anstrengend, weil der Weg aus unebenen Pflastern steil nach oben führte. Es war bereits angenehm warm, dazu die Luftfeuchtigkeit von sicher 90%, so wie die letzten Tage auch schon. Das kleine Städtchen ist urig und sehenswert, die warmen Steine mit den wilden Pflanzen, die daraus wachsen, sind hier Markenzeichen. Die Kirche ließ ich links liegen, stieg immer weiter, bis ich vor dem kleinen Ticket-Häuschen stand. Ich zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Seltenheit bei meinem sozialisierten Geiz. Aber manchmal muss man eben investieren.

Die wuchtige Burg ist sehenswert restauriert. Bis in die 60er war sie nur eine Ruine, die ihr Dasein seit Jahrhunderten als billiger Steinbruch fristete. Man kann es den Leuten kaum verdenken. Wer braucht schon im 19. Jahrhundert noch so etwas wie eine Ritterburg? Viele der Häuser unten im Dorf dürften aus den Steinen der Festung gebaut worden sein.

Als erstes sah ich mir die Trebuchets an, mittelalterliche Wurfmaschinen, die hier in mehreren Varianten aufgebaut sind. Eindrucksvolles Gerät, das Mauern in Hunderten Metern Entfernung zertrümmern konnte. 12 Tonnen und mehr haben diese Maschinen gewogen. Meisterwerke der Ingenieurskunst. Und einfach mal die Frage: Warum müssen es immer Kriegsgeräte sein, die die Menschheit auch in zivilen Fragen voranbringen? Flugzeuge, Raketen, Internet – das ist alles nicht für uns gemeines Volk erfunden worden, sondern zu militärischen Zwecken. Der Kreis zurück zu den Trebuchets gelingt mir gerade nicht, weil diese Maschinen keinen mir bewussten Grund für eine zivile Nachnutzung gebracht haben. Aber was weiß ich schon?

Castelnaud beinhaltet übrigens auch ein Kriegsmuseum. Ich sah mir kurze Videos an, bevor ich die Festung betrat. Eisenbearbeitung wurde mir nahe gebracht, ein einzelnes Teil für eine Ritterrüstung benötigte eine Woche in der Herstellung. Rüstungen, die Ferraris des Mittelalters, nur etwas für Reiche mit eigenartigen Wertekomplexen wie Ritterlichkeit, die freilich nur unter ihres Gleichen galt. Ich freue mich immer diebisch, wenn ich an die Schlacht von Agincourt denke, in der diese Ritterlichkeit von einfachen Soldaten in den Matsch getreten wurde. Wohlgemerkt, in den französischen.

Dann begann die Tour durch die Burg. Ich besichtigte Rüstungen, Waffen in Form von Schwertern und Spießen. Besonders bemerkenswert die Armbrüste aus allen Teilen Europas. Ich kam nicht umhin, dieses Museum mit dem Royal Armouries Museum in Leeds zu vergleichen. Hier war die Ausstellung im Vergleich natürlich klein. Aber was mich irgendwie bewegte, war die Tatsache, dass Krieg hier in Frankreich trotz der blutigen Vergangenheit eben nicht derartig glorifiziert wird. In England ist es schlimm. Eigentlich unglaublich, dass sich die Briten Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch so sehr mit dem Empire identifizieren, das fast niemand mehr miterlebt hat. Die kleine Ausstellung hier ist übersichtlich, aber mehr will ich eigentlich auch nicht erfahren. Ist denn Krieg so faszinierend? Nun, immerhin habe ich mich dazu entschieden, Castelnaud zu besichtigen. Die Burg hatte kaum eine andere Daseinsberechtigung als als militärische Anlage zu dienen. Ab einem gewissen Punkt war sie nur noch dies, weil die Familie, die sie besaß, es vorzog, irgendwo anders zu wohnen. Kein Wunder, denn besonders bequem war es auf Burgen nie.

Ich genoss nach dem Rundgang die Aussicht auf Beynac und die nächste Burg, auch die Dordogne samt Tal sah atemberaubend aus. Das ist eigentlich der wahre Grund, diese Orte zu besuchen. Auch musste ich feststellen, dass Burgen oft wesentlich dominanter und herrlicher aussehen, wenn man weit weg steht. Je näher man ihnen kommt, umso kleiner scheinen sie zu werden. Das ging mir auch so in England. Corfe Castle zum Beispiel fällt mir ein, eine so bombastische Ruine auf einem Hügel über einem historischen Ort in uralter Landschaft, dass besonders die Entfernung und die Aussicht darauf das wahre Spektakel darstellt. So ist es auch hier. Trotzdem genoss ich es. Die Aussicht ist eben etwas Besonderes.

Zwei Stunden hatte ich hier zugebracht, vielleicht ein bisschen mehr. Es war an der Zeit, mich den Gärten von Marqueyssac zuzuwenden. Ich sah sie von der Burg aus. Sie sind ca. 2 Km entfernt. Mit dem Kombi-Ticket erhielt ich also auch Gelegenheit, diese Gärten zu besuchen. Ich überlegte, ob ich es erst morgen machen sollte, aber es war erst 13 Uhr, viel zu früh, um auf den Platz zurückzukehren. Ein Jahr hat man übrigens Zeit, das Ticket einzulösen. Ich entschied mich, nicht so lange zu warten. Das Rad war natürlich noch da.

Ich radelte auf die Gärten zu, überquerte wieder die Dordogne. Heute war ich nicht so gut in Form, vielleicht steckte mir die Tour nach Sarlat vom Vortag noch in den Knochen.

Also schob ich das letzte Stück, das aber auch sehr steil war.

Ich betrat die Gärten, die ein Traum für jeden Buxbaumfan sind. Eigentlich stellen sie wohl eher einen gestalteten Park dar, an deren Anfang Hunderte von Buxbäumen in allerlei geometrischen Formen gestaltet sind. Pfauen riefen nach den Weibchen, von denen sich manche blicken ließen. Ich wanderte also durch die Reihen an Hecken, genoss die Aussichten, die sich boten. Fast einen Kilometer erstrecken sich die Gärten auf den Felskanten. Schmal sind sie, aber sehr reizvoll. Ich lief, hatte allerdings das Problem, eigentlich bereits gesättigt zu sein. Das ist immer ein Problem bei mir. Meine Aufnahmefähigkeit sinkt, je intensiver ich mich mit Sehenswürdigkeiten beschäftige. Manche Menschen können acht, zehn oder zwölf Stunden Sightseeing betreiben. Ich nicht. Die ersten beiden sind am besten, alles, was danach kommt, schaue ich mir naturgemäß weniger genau an, weil ich es nicht anders fertigbringe.

Trotzdem genoss ich den Spaziergang in Richtung Belvedere, dem Höhepunkt der Gärten, zumindest was die Aussicht betrifft. Der Witz ist: Belvedere liegt fast direkt über dem Campingplatz. So weit erstrecken sich also die Gärten. Ich hatte den markanten Felsvorsprung immer für ein begehrtes Ziel einer Wanderung gehalten. Im Grund stimmt das auch. Was ich nicht wusste, war, dass diese Aussichtsplattform eben zu den Gärten gehört. Immer und überall jedenfalls sah ich Buxbäume. Es sind Zehntausende, alle so alt wie der Garten, also mehr als 150 Jahre alt. Unglaublich, oder? Faszinierend, wie alt Pflanzen werden können.

Den Belvedere genoss ich sehr, sah auf La Roque, entdeckte Domme im Hintergrund. An Aussichten mangelt es hier wirklich nicht.

Ich schleppte mich dann zurück zum kleinen Herrenhaus, wo sich das Café befand. Meinen 50-Cent- Gutschein für einen Kaffee hatte ich, wie sollte es anders sein, bereits am Eingang verloren. Dabei hatte ich mich darauf gefreut, mal etwas gespart zu haben. Den Espresso leistete ich mir trotzdem. Mit Blick auf Beynac und Castelnaud konnte ich kaum spektakulärer pausieren. Ich las noch ein wenig, immer im Gedenken an Peter Mayle, einen Schriftsteller, den ich immer gerne lese, der nun aber leider verstorben ist. Ich erschrecke mich immer, wenn ich bedenke, dass auch Martin Walker bereits uralt ist. Möge er und Bruno noch lange im Périgord ermitteln.

Zum Abschluss schaute ich mir noch das Herrenhaus an, nichts Großartiges, trotzdem nett. Dann kehrte ich vollkommen überladen mit Eindrücken auf den Campingplatz zurück.

Es war ein wundervoller Tag, der abends leider mit einem kräftigen Gewitter zu Ende ging. Trotzdem war ich froh, dass es tagsüber so freundlich geblieben war. Es ist eben eine feuchte Gegend, in der anscheinend um diese Jahreszeit literweise Regen die Erde überschwemmt. So war es vor zwei Jahren, so ist es jetzt. Ich kann damit ganz gut leben. Zumindest bis jetzt.

 

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