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Ich wusste, dass mir eine harte Tour bevorstand. Meinen Berechnungen zufolge sollten es an die 35 Kilometer werden, eigentlich also nicht so dramatisch.

Als ich aber erwachte, prasselte der Regen gegen die dünnen Zeltwände. Ich überlegte, ob es nicht besser wäre, einfach noch einen Tag zu bleiben. Aber der Gedanke daran schien mir vollkommen abwegig. Wie gestern bereits beschrieben, ist die Gegend für mich abgegrast, zumindest im Augenblick. Ich wollte garantiert nicht eine Minute länger bleiben. Das Verfallsdatum meines Aufenthaltes war erreicht. Also packte ich im geschützten Bereich des Zeltes alles zusammen. Es ging gut, durch die verschiedenen Taschen, die ich auf das Rad spannen kann, bleibt immer alles trocken, auch wenn sie mal kurz im Regen stehen. Der Witz war aber, dass es gegen kurz vor zehn aufhörte zu gießen. Ich fühlte mich in meinem Beschluss bestärkt abzufahren. Tatsächlich geht es eigentlich ziemlich schnell, alles zusammenzupacken. Durch das Wetter hatte ich mich allerdings gemüßigt gefühlt, alles gemächlicher angehen zu lassen. Jetzt aber beeilte ich mich. Auch wenn der Himmel finster erschien, wollte ich nun abfahren. Alles war zugedeckt und regensicher, meine Regenjacke hatte ich an, auch weil es ziemlich kalt werden kann, wenn der Fahrtwind weht. Einzig meine Hosen stellen einen Schwachpunkt dar, denn wasserdichtes Beinkleid habe ich nicht dabei. Ich muss sagen, dass ich auch keinen Platz mehr hätte. Es ist schon so viel zu viel Zeug. Vielleicht lasse ich das nächste Mal doch den Alite-Stuhl zu Hause. Er ist zwar leicht, wiegt aber doch ein Kg. Ich sitze gerade drin und schreibe. Ich würde ihn ungemein vermissen.

Leider war ich an dem Tag mit einem penetranten Hexenschuss erwacht. Ich hatte diesen schon während der Nacht versucht, mit Voltaren ruhig zu stellen. Aber letztlich hilft Bewegung am Besten. Tatsächlich behinderte er mich nicht weiter.

Den ersten Teil der Strecke kannte ich. Bis Sarlat war ich bereits gefahren. Auch dieses Mal schaffte ich es, auf dem Rad zu bleiben, auch wenn die Steigung und das Gepäck schon ziemlich an meinen Beinen zogen. In Sarlat verfuhr ich mich natürlich. Es ist nicht so schlimm, aber es trägt eben dazu bei, dass zum Einen die Strecke länger und zum Anderen die bewältigte Steigung größer wird. Denn nördlich von Sarlat geht es hinauf, egal, welche Strecke man wählt. Ich jedenfalls fuhr zurück, hatte ungefähr eine dreiviertel Stunde verloren, das geringste Problem.

Was nun aber folgte, war ein Hügel, der es in sich hatte. In Richtung Campingplatz Uttopia schob ich also, denn an Fahren war überhaupt nicht mehr zu denken. Es müssen gute zwei Kilometer gewesen sein, in denen ich fast 200 Höhenmeter zurückzulegen hatte. Das muss man sich vorstellen, ein Rad, das schon 20 Kg wiegt, mit nochmals ca. 25 Kg Gepäck den Berg hinaufschieben zu müssen. Wenn ich es mir jetzt, einen Tag später, vorstelle, muss ich darüber lachen. Ich habe es mir ausgesucht, also hilft kein Jammern. Aber während der Fahrt habe ich gejammert. Keine Frage. Nur gehört hat mich niemand. Vielleicht ganz gut so.

Nach dem Anstieg folgte die Abfahrt. Auch das ist nicht ohne, weil ich mir nicht so recht traue, das Rad sicher nach unten zu bringen. Auch wusste ich, dass ich die Strecke, die ich nun abwärts fuhr, wieder hoch musste. Denn Salignac-Eyvigues liegt auf 300 Metern Höhe. Es war das Spiel des Tages, denn geradelt wurde selten. Entweder schob ich fluchend das Rad nach oben oder ich konnte es den Hügel herunter laufen lassen. Nach ca. zwei Dritteln der Strecke spürte ich meine Kräfte schwinden. Auch ahnte ich, dass sie nicht so schnell wiederkommen würden. Was zur Folge hatte, dass ich mich dazu entschied, nicht nachzulassen und weiterzumachen.

Ich kam durch eine Ortschaft mit einem Campingplatz. Kurz überlegte ich, ob ich absteigen sollte. Nein. Ich wollte nach Salignac-Eyvigues, von dort aus am nächsten Tag zu den Jardin D’Ereygnac. Also weiter, noch vier Kilometer. Ich erreichte den Ort, kaum noch in der Lage, die Pedalen zu treten. Es stellte sich heraus, dass der Campingplatz nochmals fast zwei Kilometer entfernt lag. Es war einer der Momente, in denen man denkt, dass man es nur noch ein paar Meter weit schafft, bevor man zusammenbricht. Noch eine letzte leichte Steigung, ohne abzusteigen, dann war ich da. Mitten im Wald gelegen, ein herrlich stiller und auch wenig besuchter Ort. Ich bekam eine Ermäßigung, weil ich allein und ohne Auto unterwegs war. Ich weiß nicht, ob ich sie verdient habe. Meine Beine meinten ja.

Nach zwei Stunden absoluter Ruhe und einer heißen Dusche fuhr ich sogar nochmals zurück in den Ort, um einzukaufen und mich ein wenig umzusehen. Meine Schmerzen waren gewaltig. Die kleine Stadt ist das Gegenstück zu den plus beau village, ca. 30 Km entfernt. Nicht dass es nicht auch schön wäre. Es fehlen nur die Touristen, denen es offensichtlich zu abgelegen ist. Salignac-Eyvigues hat alles, was die anderen auch haben. Eine Burg, die allerdings renovierungsbedürftig ist, eine uralte Kirche und eine schöne Altstadt mit urigen Häusern. Allerdings fehlen die Disneworld-Geschäfte, sehr erholsam für mich. Für die Leute hier wohl weniger. Ich begegnete einigen von ihnen, von denen ich annehme, dass sie diese Gegend noch nie verlassen haben. Und ich fragte mich, was man als junger Mensch wohl den ganzen Tag hier macht. Im Intermarché arbeiten? Oder als Friseur? Nun, Weinverkäufer gibt es nicht, eben sowenig Blanc de Nil, auch so ein Mysterium. Wer läuft denn den ganzen Tag so herum, ganz in weiß, mit wehendem Stoff? Aber die Gänseleberpastete gab es. Die ist omnipräsent, wenn auch hier nur in der Epicerie. Ich sah mich beim Immobilienhändler um. Die Häuser hier scheinen mir nicht sehr teuer. Man bekommt sie schon ab ca. 140.000 Euro, also im Bereich unseres Budgets. Ich weiß, es ist mindestens 15 Jahre zu früh, um an den Ruhestand zu denken. Wahrscheinlich eher 25 Jahre. Trotzdem sehe ich mich immer gerne mal um.

Am Ende des Tages war ich allerdings vollkommen platt. Ich komme mir lächerlich vor, wenn ich bedenke, was Leute leisten, die es gewohnt sind, so zu reisen. Aber man soll sich ja nicht vergleichen. Es war jedenfalls der physisch härteste Reisetag meines Lebens. Was sagt das über einen fast 48-jährigen? Nicht viel, befürchte ich, nur dass ich bis jetzt einfacher gereist bin. Einfacher, ohne es einfach zu haben. Manchmal wenigstens.

 

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