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Ein feiner Nieselregen bedeckte das Land und somit auch mein Zelt. Es ist merkwürdig, denn nichts prasselte oder schlug. Trotzdem war die Feuchtigkeit allgegenwärtig. Das lädierte Zelt, dessen letzte Tage angebrochen sind, hielt es aus. Ein Blick auf den Wetterbericht zeigte, dass es seine härtesten Tage hinter sich hat. Eigentlich ein bisschen traurig, aber es ist verschlissen. Immer mehr Risse und Beschädigungen zeigen sich. Die Reißverschlüsse zerren sich auseinander, die Gase hat ein kleines Loch, das mit der Zeit größer werden wird. Ich kenne das. Allerdings wird es kaum Gelegenheit dazu haben. Denn nur noch sechs Tage muss es überleben. Wie einiges andere auch wird es nicht wieder mit nach Berlin kommen. Eine Hose ist ebenfalls hinüber, mein Rucksack auch, der sicher schon 15 Jahre auf dem Buckel hat. Stattdessen werde ich eine Fahrradtasche mit an Bord des Flugzeugs nehmen. Nicht schön, aber praktisch. Die Bücher, die ich dabei hatte, habe ich über das Périgord verteilt. Manchmal habe ich ein anderes dafür mitgenommen, aber grundsätzlich habe ich nun nur noch immer eines dabei. Praktisch dabei sind die kleinen Büchereien, die hier überall auftauchen. In jedem Dorf steht mindestens ein Kasten mit Büchern, die Idee: Eines nehmen, ein anderes hinlegen. Auf Campingplätzen gibt es so etwas oft auch. In Berlin habe ich das auch schon gesehen, im Schillerkiez kenne ich einen solchen Kasten, eine alte Telefonzelle, die als Bücherstand dient. Wenn ich mir allerdings vorstelle, so etwas bei uns in Tempelhof aufzustellen, kann ich mir ausrechnen, wann das Ding in Flammen aufgeht. Oder sich jemand da drin erleichtert. Hier allerdings nutze ich das Angebot reichlich. Es sind oft die komischsten Bücher, die ich finde. Schon Jahrzehnte habe ich keinen Fall von Scarpetta mehr gelesen. Hier schon. Oder einen Florentiner Krimi von Naab, vor 15 Jahren erschienen. Sehr schön. Ungewöhnlich, aber schön. Es hat mich an die Zeit erinnert, in der ich fast jedes Jahr nach Italien gefahren bin, das Land meiner Träume damals. Jetzt ist diese Liebe ein wenig abgekühlt. Mein Versuch, dort Fuß zu fassen, ist ja vor 18 Jahren gescheitert, an der Realität, die ja in diesem wundervollen Land ziemlich hart ist. Aber jetzt bin ich ja öfters hier in Frankreich. Die Sprache spreche ich auch etwas besser. Das soll helfen.
Jedenfalls wartete ich ein wenig, bis sich der Nieselregen legte. Dann packte ich und bezahlte. Der Besitzer des Campingplatzes fragte mich, was mit der deutschen Mannschaft los gewesen ist. Ich kann auf so etwas nicht wirklich antworten. „Ils sont chien“. Naja das stimmt nicht wirklich. Aber es ist die Art von Fußballsprech, die jeder irgendwie versteht, auch wenn er wie ich von Fußball keine Ahnung hat.
Endlich konnte ich dann abfahren. 15 Kilometer, mehr sollte es nicht sein. Allerdings fing die Fahrt sehr anstrengend an. Eine Steigung, die es in sich hatte. Wieder also schob ich. Es geht nicht anders.

Nach einigen Kilometern dann kam der Wendepunkt. Ich war erst einmal erledigt, konnte nun aber das Rad laufen lassen. Ich dachte darüber nach, dass es ein kompletter Blödsinn gewesen ist, ein City-Rad mit nur sechs Gängen zu kaufen. Das nächste Mal nehme ich entweder meines mit oder gebe mehr aus. Das Terrain ist sonst nicht zu bewältigen.

Die 15 Km hatte ich nach weniger als anderthalb Stunden zurückgelegt. Immer an der Dordogne entlang. In Lalinde suchte ich nach dem Campingplatz, den ich eigentlich ausgesucht hatte. Ich folgte einem Schild, ohne zu realisieren, dass mein Platz sich gar nicht in Lalinde, sonder ein Stück weiter in Richtung Bergerac befand. So also kam ich auf einem anderen Platz an, Caillou oder so ähnlich. Eigentlich war er nicht teuer, zumindest wenn man zu zweit ist. Aber dass ich allein mit einem winzigen Zelt ohne Strom genauso viel bezahlen muss, wie ein Paar mit dickem Wohnmobil mit Strom ging mir gegen den Strich. So etwas versuche ich immer zu vermeiden. Erst in diesem Augenblick übrigens bemerkte ich, dass ich nicht auf dem Platz war, auf dem ich eigentlich landen wollte. Egal, nun war ich hier.

Übrigens beschäftigte mich immer noch das Problem, wie ich die letzten Tage meiner Reise gestalten soll. Lalinde schien nicht tagefüllend, auf Bergerac und Bordeaux habe ich kaum Lust. Auch wiegt die Tatsache, dass ich das Rad verkaufen muss, schwerer als mir lieb ist. Keine Ahnung warum, denn es ist eigentlich so gut wie wertlos. Mal sehen.

Nachdem ich mich eingerichtet hatte, schaute ich mir Lalinde an. Es ist eine kleine unscheinbare Stadt. Oder Dorf. Ich weiß das nicht genau. Es gibt keine Sehenswürdigkeiten von Bedeutung, das Einzige, der Kanal, versandet und hat keinen wirklichen Nutzen mehr. Einst, zur Zeit des Beginns der industriellen Revolution, hatte Lalinde sicher eine herausragende Stellung am Kanal, der die Stromschnellen der Dordogne umschiffte. Dann aber kam die Eisenbahn und mit dem Reichtum war es vorbei. Ich pendelte ein wenig zwischen Fluss und Kanal hin und her, genoss es ziemlich, einfach ohne Eile dahinzuschlendern. Vielleicht ist es genau diese Unaufgeregtheit, die mich faszinierte. Ich musste mich nicht beeilen, weil es nichts gab, das ich tun oder sehen musste. Nach einer Stunde hatte ich keine Lust mehr, ging noch ausgiebig einkaufen, wobei ich noch immer nicht wusste, wie lange ich hierbleiben würde. Zwei Tage sicherlich. Und dann? Keine Ahnung. Schade, dass man nicht einfach in ein Flugzeug steigen kann wie in einen Bus. Dann wäre ich nach Bordeaux zurückgefahren, um den Flieger zu nehmen.

Den Abend genoss ich auf dem Platz, der direkt an der Dordogne liegt. Die Sonne schien, welch eine Wonne. Ich werde am Schluss doch noch etwas verwöhnt. Wenn ich mich recht erinnere, war es vor zwei Jahren genauso. Drei Wochen hat es durchgeregnet, die letzten beiden Tage auf dem Platz in Bordeaux waren jedoch vor Hitze kaum mehr auszuhalten gewesen. So scheint es jetzt auch zu gehen. Mir ist es recht. Denn im Grunde bin ich am Ende der Reise angelangt.

 

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