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Kälte.
Und früh aufstehen. Das passt alles nicht zusammen.
Dank der neuen Thermounterwäsche fror ich in der Nacht nicht allzu sehr. Aber man merkt es doch, dass man in der freien Natur übernachtet und lediglich durch einen Millimeter Zeitplane davon entfernt liegt. Es war ein unruhiger Schlaf, mit wilden verwirrenden Träumen voller Farben und Bewegungen. So erschöpfend, dass ich den Wecker nicht hörte. Zum Glück meldete sich das Handy im Abstand von wenigen Minuten. Als ich endlich aufwachte, hatte ich noch genug Zeit zu packen. Das Zelt musste dieses Mal feucht in die Verpackung.
Vorsichtig lugte die Sonne hervor, schien aber nur auf einige Stellen des Campingplatzes, der dicht bewaldet ist. Doch die schwachen Strahlen konnten die Zeltplane nicht vollends trocknen. Zumindest aber so weit, dass das Zelt nicht mehr klitschnass war. Immerhin. Dabei hatte es nicht einmal geregnet. Alles nur Tau und Morgenfeuchte. Dicke Tropfen.

Die Bushaltestelle befand sich nur 100 Meter vom Campingplatz entfernt. So stand ich um halb neun dort, mit aufgequollenen Augen, die trübe in die Landschaft blickten. Der Bus kam pünktlich, brachte mich recht rasch nach Quimper. Natürlich mit fünf Minuten Verspätung. Nicht schlimm, sollte man denken. Doch dadurch verpasste ich den Anschlussbus, dessen Fahrer offenbar nicht auf die Idee gekommen war zu warten. Aus fünf Minuten Verspätung wurden also zwei einhalb Stunden Wartezeit, die ich in Quimper verbrachte. Eigentlich war sie kurzweilig. Ich las und schrieb in einem Café auf dem großen Platz vor der Kathedrale. Allerdings war es noch immer empfindlich kalt, zumal die Sonne immer wieder und auch immer öfter einfach verschwand. Quelle impertinence.

Danach hatte ich noch eine merkwürdige Erfahrung auf einer öffentlichen Toilette. Nein, nicht das, was man im Allgemeinen annimmt. Wahrscheinlich habe ich mir die Blase etwas verkühlt. Jedenfalls ging ich in dieses Metallding an den Markthallen. Ich war nicht sicher, ob dieser Raum auch abgeschlossen war, also drückte ich auf den einzigen Knopf, den ich sah. Und vernahm ein Klickgeräusch. Danach konnte ich die Tür öffnen. Als sie wieder zufiel, ging sie nicht mehr auf. So also funktionierte der Verschluss. Kein Hexenwerk. Das Problem allerdings war, das durch das kurze Öffnen der Tür der Selbstreinigungsmechanismus der Einrichtung ausgelöst wurde. Plötzlich schoss das Wasser von überall her auf mich ein. Wie in einem Horrorfilm. Natürlich nicht so viel, aber der Boden stand sicher zwei bis drei Zentimeter unter Wasser. Und auf dem Boden stand mein Seesack und Rucksack. Und ich. Ich bemerkte das Desaster nicht schnell genug, erst mussten wertvolle Sekunden vergehen, wahrscheinlich die Schockstarre, bevor ich mich retten konnte. Und bis dahin war alles nass.

Nun, so schlimm war es letztlich nicht. Der Seesack besteht aus zwei Schichten wasserdichten Segelstoffs, die Nähte sind versiegelt. Den kleinen Rucksack rettete ich als erstes, so dass dieser nur feucht wurde. Und die Schuhe? Sind auch wasserdicht, dicke feste Wanderschuhe, denen so leicht nichts ausmacht.
Nur meine Hosen waren wegen der vielen Sprühvorrichtungen bis zum Knie nass. Jedenfalls kam ich mir ziemlich blöd vor. Also lief ich zurück zum Gare Routière und trocknete vor mich hin.

Douarnenez

Pünktlich fuhren wir schließlich ab. Eine halbe Stunde später erreichten wir Douarnenez.
Es ist eine unaufgeregte Stadt, an der der Tourismus anscheinend bislang weitgehend vorbeigegangen ist. Es tut dem Ort gut, die üblichen Touristenfallen fehlen, der Kitsch hält sich in Grenzen, was ich auf Anhieb bemerkte. Zum Campingplatz war es ein weiter Marsch, immer wieder bergauf und bergab. Ich kam am Port de Plaisance vorbei, wo Dutzende kleiner Boote vor Anker liegen. Alles wirkte sehr bodenständig, keine großen Jachten, sondern eher Barkassen für normale Leute, die am Meer leben und natürlich Segelsport betreiben. Sympathisch.
Kurz darauf erreichte ich den Campingplatz. Eine heller freundlicher Ort. Hier konnte endlich mein Zelt trocknen, auch weil der Wind gehörig auffrischte. Nur kurz darauf machte ich mich wieder auf den Weg. Ein Fehler, denn es ist nie eine gute Idee loszugehen, wenn man eigentlich müde ist. Zumindest nicht, wenn man die Gelegenheit hat, sich einige Minuten länger auszuruhen. Aber es war zu spät, als ich das merkte. Nun war ich also unterwegs.
Die Stadt bestätigte meine ersten Eindrücke. Sie war einfach und normal. Endlich einmal. Ein Genuss auch, weil die Menschenmassen fehlen. Ganz in Ruhe konnte ich durch den Ort spazieren, mir die alten Häuser ansehen. Douarnenez besteht aus einigen Hügeln, so dass ich ständig auf und ab laufen musste. Ganz schön anstrengend.
In der Touristeninformation erfuhr ich, dass es keinen Bus zum Point de Raz gab. Zumindest nicht vor Samstag. Heute ist Montag. So lange bleibe ich nicht. Also stand eine Entscheidung an, bei der es ist wie immer beim Reisen. Wie intensiv gestaltet sich der Wunsch, etwas sehen zu wollen? Auf diese Frage läuft es oft hinaus. Ich brauchte nicht lange, um diese Entscheidung zu treffen. Ich fahre nicht hin. Ich kenne den Point de Raz, also wollte ich etwas anderes machen. Auch wenn diese Sehenswürdigkeit, ein Leuchtturm inmitten des Meeres und dazu spektakuläre Klippen, sicher einmalig ist. Es wird sicher nicht die letzte Gelegenheit sein, einen solch atmosphärischen Ort zu sehen. Aber es ist mir einfach zu viel, dafür zwei Tage zu verlieren. Denn so wäre es möglich: zurück nach Quimper, dann mit dem Bus in Richtung Point de Raz, danach zu Fuß weiter. Alles ein bisschen übertrieben. Ich mache sicher irgendwann etwas ähnliches, aber nicht jetzt.
So ist das manchmal. Man kann nie alles sehen. Selbst wenn man möchte.
Letztlich habe ich noch nie Zeit verschwendet. Also hatte alles seine Richtigkeit. Und war nie langweilig. Wenn man also etwas verpasst, macht man etwas anderes, das man sonst nicht erlebt hätte. Ist doch auch gut, oder? Und ob etwas besser oder schlechter gewesen wäre, kann man ohnehin nicht entscheiden. Man hat ja nur eines gesehen und erlebt. Und kennt das andere gar nicht. So ist das im Übrigen immer, wenn es um Entscheidungen im Leben geht. Richtig oder falsch sind relativ. Weil man gar nicht weiß, wie es gekommen wäre, hätte man anders entschieden. Auf diese Weise also kann das Reisen einem diesbezüglich die Augen öffnen. Und dient dazu, den eingeschlagenen Weg ohne Bedauern zu verfolgen.
Aber jetzt genug damit. Es hat aufgehört zu regnen. Zeit, etwas zu unternehmen (geschrieben natürlich am 2.6.)

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