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Den gestrigen Tag spürte ich noch in den Knochen.
Trotzdem entschied ich mich zu einer erneuten Wanderung, dieses Mal in die andere Richtung des GR34. Es ist einfach zu reizend, immer am Meer entlang wandern zu können. Erst jedoch musste ich die Stadt praktisch einmal durchqueren, um am nordöstlichen Ende wieder auf den Wanderweg zu stoßen. Leider begann ich diese Wanderung alles andere als frisch. Die Beine waren schwer und ich wusste, dass ich ein bisschen aufpassen musste. Es war übrigens bei Weitem der wärmste Tag, mit Temperaturen um 25 Grad und strahlend blauem Himmel. Es konnte kaum besser werden. Und ich entdeckte gleich etwas zu Beginn der Wanderung, dass ich nicht erwartet hatte. Römische Ruinen. Unglaublich. Man kann sich in der letzten Ecke der Welt aufhalten, sprichwörtlich Finistère, und stößt auf Spuren der Römer. Die waren wirklich überall. Passenderweise handelte es sich bei den Ruinen um eine Fischfabrik. Gut ausgeschildert ist das antike Bauwerk, sogar mit Beschreibungen auf Englisch, eine Seltenheit hier. Ich muss mal probieren, die berühmte Fischsauce oder Paste zu kochen, die in der antiken Welt offenbar selten fehlte. Es war erfrischend, eine Stätte wie diese entdecken zu können. Sie ist frei zugänglich. Warum auch nicht?

Von hier aus verließ ich den Wanderweg und stieg zu einem winzigen Strand hinunter, der offenbar nur bei Ebbe existiert. Dieselbe herrschte auch gerade, sodass ich erkannte, in der Lage zu sein, eine Abkürzung nehmen zu können. Quer über den nun immer breiter werdenden Strand, der sich Hunderte Meter erstreckt, lief ich auf eine Häuserreihe zu. Ich wusste, dass dort irgendwo der GR34 verlaufen musste. Zwar versperrten mir einige glitschige Felsbrocken den Weg, diese stellten aber nur kurzzeitig ein Hindernis dar. Dank meiner ausgezeichneten Wanderschuhe. Ich bin froh, dieses Mal investiert zu haben. Wahrscheinlich kaufe ich nie mehr billige.
Tatsächlich stieß ich wieder auf den Wanderweg. Eine Gruppe älterer Damen erkundigte sich (aus der anderen Richtung kommend), ob sie abkürzen könnten. Ja. Könnten sie. Das Meer hatte sich sogar noch weiter zurückgezogen, sodass es nicht einmal notwendig gewesen wäre, über die niedrigen Felsen zu klettern. Strandzugang sozusagen. Das Meer schien vollständig zu verschwinden. Letztlich trauten sie sich nicht. Feiglinge. Sicherer ist es dafür in jedem Fall, auf dem ausgeschilderten Weg zu bleiben, den ich nun wieder betrat.
Der GR34 ist hier anders als gestern. Zwar gibt es auch Steigungen, aber allgemein ist es flacher. Und weniger wild, dafür aber ist ein weiterer Blick möglich, der sich immer wieder öffnet. Das liegt sicher an den atemberaubenden gewaltigen Stränden und das hier spielerische Meer, das mehr zu tanzen scheint als zu tosen. So etwas ist sicher vom Wetter abhängig und an anderen Tagen ganz anders. Auch hatte ich Glück, dass Ebbe war. Stimmungen ändern sich so schnell. Das ist allgemein faszinierend und spannend.
Jetzt musste ich die Böschung hinauf und merkte ein weiteres Mal, das ist heute wohl nicht so weit würde gehen können. Ich nahm einen dominanten Felsvorsprung in der Ferne war und nahm mir vor, diesen zu erreichen.

GR34 in Richtung Plage du Ris

Ich schaffe es nicht.
Kurz vorher, in einem winzigen Ort, standen Bänke, die mich hungrigen Wanderer gerade zu einluden. So ruhte ich mich endlich etwas aus. Da die Sonne unablässig schien, die ich durch den Wind kaum bemerkte, hatte ich mich verbrannt. Nicht schlimm, aber sichtbar. Ich bereute, kein langes Hemd dabei zu haben. Muss ich mir mal merken. Hier entschied ich auch, wieder umzukehren. Der weite Strand lag vor mir, weiter als vorher, so dass ich die Möglichkeit sah, bis zu den römischen Ruinen, die vier Kilometer weit zurücklagen, vollständig am Strand entlang zu laufen zu können, an den gewaltigen Felsen vorbei, die ich vorher hatte überqueren müssen. Ich hatte dabei ein etwas mulmiges Gefühl, denn ich wusste, dass das Meer genauso schnell zurückkommen kann, wie es verschwunden war. Das habe ich hier in der Bretagne mehr als einmal erlebt. Der Weg, der vor mir lag, würde bei Flut praktisch nicht existieren. Ich ging trotzdem los. Ein bisschen Abenteuer muss manchmal sein.
Man muss sich das Gefühl vorstellen, diese Strecke direkt am Meer entlang laufen zu können. Das Herz springt vor Freude, wenn es erst einmal geschafft hat, den Verstand zurückzudrängen, der unnachgiebig nach dem sicheren Wanderweg schreit. Es war alles kein Problem. Eine etwas heikle Stelle erreichte ich, direkt vor den Felsen war der Untergrund gefüllt mit Algen, Muschel und messerscharfen Steinen. Hier sammelten einheimische die Produkte des Meeres. Solange die das machen, ist das Meer keine Gefahr. Ich war also beruhigt. So verlangsamte ich meine zuvor etwas panischen Schritte. Ich genoss jetzt noch mehr den Marsch über das Watt, kam erst recht spät auf die Idee, die schweren Wanderschuhe auszuziehen. Jetzt, da nur noch Sand vor mir lag, war es kein Problem mehr. So befreite ich mich auch auf diese Weise. Kräftetechnisch war ich allerdings am Ende. Erschöpft, aber glücklich, erreichte ich Douarnenez, ging direkt in einen Kaffee, um zu schreiben. Keine Ahnung, ob etwas dabei herauskommt. Ist doch egal, handelt es sich nur um das Journal. Dieses Journal. Das liest sowieso keiner. Warum schreibe ich es dann eigentlich? Eine rhetorische Frage. Das weiß ich ganz genau.
Den Rest des Tages verbrachte ich mit einigen Besorgungen und auch der Recherche. Ich weiß jetzt, wie es ungefähr weitergeht. Morgen breche ich hier die Zelte ab. Es wird mir schwerfallen, denn ich hatte es wirklich gemocht. Aber so ist es gut. Immer weiter, wenn ich noch hungrig bin, nicht den Zeitpunkt verpassen, wenn die Stimmung kippt und in Langeweile umschlägt.
Das kenne ich zu gut.
Jetzt ist also genau richtig.

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