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Wie lange will ich noch hier bleiben?
Das war die Frage, die mich am heutigen Tag beschäftigte. Letztes Jahr habe ich eine ganze Woche in Tarascon verbracht. Es schien mir nicht zu viel. Im Gegenteil. Hier, in der Bretagne, habe ich den Zustand, einfach mal eine Weile irgendwo bleiben zu wollen, nie wirklich erreicht. Das Ankommen wurde immer sofort durch den Abschied abgelöst. Dazwischen gab es nichts. Und trotzdem bin ich dieses Jahr befriedigter. Es war eine wirkliche Reise. Intensiv, voller Farben und Eindrücke, die mich umgaben und noch umgeben. Aber für ein Fazit ist es zu früh. In jedem Fall habe ich entschieden, hier nicht auszuharren, sondern meiner Reiselust weiter zu frönen. Es wird also in der letzten Woche noch zwei Reiseziele geben, die ich beide schon kenne. Aber dazu mehr in den nächsten Tagen.
Heute wollte ich zu Île Grande. Diese Insel, die eigentlich keine ist, weil sie über einen Landweg verfügt, liegt kaum anderthalb Kilometer vom Campingplatz entfernt. Luftlinie. Den Weg dorthin um eine Bucht herum schätzte ich auf ca 5 km. Ich sollte mich verschätzt haben, wie ich später feststellte.
Der Weg begann direkt vor dem Campingplatz. So etwas geschieht auch selten. Einfach loslaufen. Wie auch am gestrigen Tag musste ich erst den Muskelkater vom Vortag überwinden. Binnen 15 Minuten war ich warm gelaufen, verspürte kaum mehr Schmerzen. So lief ich auf dem üblichen GR34 entlang, der mich nun schon seit Wochen begleitet. Oder besser ich ihn, denn er ist ja immer da. Ich musste sogar mitten durch einen anderen Campingplatz hindurch, weil der Wanderweg für alle zugänglich ist, mit einem mulmigen Gefühl, denn ich gehörte ja nicht hierher, sondern zur Konkurrenz. Aber so ist das nun einmal bei öffentlichen Wegen. Immer mitten durch. Plötzlich stand ich im „Zentrum“ Landrellecs. Keine fünf Fußminuten von meinem Zelt entfernt. Das ist das Komische an Küstenwegen. Sie verlängern den Marsch ungemein, denn ich war zu diesem Zeitpunkt sicher mehr als 20 Minuten unterwegs. Ich entschied, dass ich auf dem Rückweg, der sicher beschwerlicher werden würde, von Abkürzungen Gebrauch machen würde. Es kam dann anders. An dieser Stelle muss ich hinzufügen, dass das Meer sich gerade gehörig zurückzog. Noch war es aber zumindest zu sehen.
Die Île Grande lag hier beinahe zum Anfassen nah. Aber der Küstenstreifen, den ich mit meinen Blicken abmaß, teilte mir mit, dass es ein langer Marsch werden würde. Ich erreichte die Hauptstraße und sah das Schild „Île Grande zweieinhalb Stunden“. Ich staunte nicht schlecht. Nun muss ich dazu sagen, dass der Weg sich von der Küste entfernte, ins Hinterland hineinführte. Daher entschied ich, dass es besser wäre, die Straße entlang zu laufen. Eine grausige Entscheidung. LKW und Wohnmobile donnerten an mir vorbei. Eines Tages werde ich mich aufgrund solchen Verhaltens verletzen.oder schlimmer. Dachte ich mir zumindest. Nach ungefähr einem Kilometer höchst unerfreulichen Laufens kam ich an einen Strand. Es war Ebbe, so also entschied ich, meine Wanderung hier fortzusetzen. Ich sollte an diesem Tag keinen Fuß (oder fast keinen) mehr auf eine Straße setzen. Denn dank des sich zurückziehenden Wassers konnte ich bis zu einer Brücke laufen, wo sich der GR34 fortsetzte. So wurde doch noch etwas aus der schönen Wanderung am Meer entlang, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Kurz darauf befand ich mich wieder auf einem Strand, von dem aus ich bequem die Île Grande erreichte. Letztlich war ich zwei Stunden unterwegs gewesen. Gerechnet hatte ich mit gut einer. Nicht, dass es schlimm war, die Kirchturmuhr schlug 11, als ich die Hauptstraße heraufkam.

Île Grande

Für die Île Grande hatte ich mich entschieden, weil Markttag war. Ich zählte wirklich ganze vier Buden. Alles war aber halb so wild. Ich erstand ein „Baguette Tradition“ und begann kurz darauf, mich an die Umrundung der Insel zu machen. Wieder bekam ich andere, nicht weniger imposante Eindrücke der Küstenlandschaft. Fast fühlte ich mich nach Griechenland versetzt, auf die Kykladen. Denn hier ist der Küstenstreifen weit weniger grün. Nur Felsen und Meer, aber auch weiße Strände. Die Sonne schien, es war heiß, so dass ich oft an Paros oder Sifnos denken musste, die ja am entgegengesetzten Teil Europas liegen. Wo wandern übrigens genauso viel Spaß macht, auch wenn die Bretagne mir abwechslungsreicher erscheint. Aber Vergleiche sind müßig. Ich versuche nur, den richtigen Eindruck zu vermitteln.
Das Meer zog sich unterdes immer weiter zurück. Es ist schon erstaunlich, dass es viele 100 Meter zurücklegt. Etwas entfernt von der Küste stieß ich übrigens auf ein Hünengrab. Erstaunlich. Die gibt es wirklich überall. Ich habe sie mir dieses Mal kaum angesehen. Alles zu seiner Zeit.
Nach einem Espresso in einer Bar beschloss ich, wieder den Heimweg anzutreten. Es wurde abenteuerlich. Zumindest ein bisschen. Denn als ich wieder den Strand vor der Insel erreichte, sah ich, dass das Meer sich vollständig aus der Bucht zurückgezogen hatte. Konnte ich abkürzen? Ich tat es einfach. Auf dem Meeresboden spazierte ich also entlang, immer darauf achtend, nicht in allzu tiefe Pfützen zu treten. Das gelang leider nicht ganz. Dann, ab einem gewissen Punkt, ist es eben Watt. So sank ich ein in den Schlamm. Aber meine Wanderschuhe hielten erstaunlicherweise dicht, zumindest noch. Irgendwann stand ich wieder am Strand Plage de Keryvon gegenüber der Île Grande und überlegte, ob ich wieder auf der Straße laufen sollte. Wieder wanderte mein Blick in Richtung Meer. Nicht weit entfernt, vielleicht einige Hundert Meter, lag ein kleiner Hafen unweit meines Campingplatzes. Natürlich am anderen Ende der Bucht. Dazwischen Watt. Doch es waren einige Einheimische unterwegs, also zögerte ich nicht lange. Wieder ging es hinaus, auf das Meer, das kurz nicht da war.
Hier war es nicht so schlimm, also weniger matschig. Vielleicht hätte ich einfach die Schuhe ausziehen sollen wie die anderen. Manchmal kann man von Einheimischen lernen. Manchmal? Eigentlich immer. Ich weiß auch nicht, warum ich ihrem Beispiel nicht folgte. In jedem Fall kam ich gut voran. Es war kaum zu glauben, der Weg, für den ich vorhin zwei Stunden gebraucht hatte, war jetzt in einer zu erledigen. Dazu war es noch ein wundervolles Erlebnis. Wattwandern, das war ein Erlebnis meiner Kindheit, so lange hatte ich es nicht mehr gemacht. Bestimmt 40 Jahre. Ich erinnere mich an einen Gummistiefel, den das Watt behielt. So tief war er eingesunken. Heute verlor ich zwar keinen Schuh, aber es erwischte mich doch noch. Denn kurz vor Erreichen vom Hafen strömte noch etwas Wasser auf dem Boden entlang. Ich hielt meine Schuhe jedoch für undurchdringlich. Ein Fehler, denn zwei oder drei Schritte, falsch gesetzt, reichten, um sie nun wirklich zu durchnässen. Durchnässen ist das falsche Wort. Nass waren sie nur außen, innen nur etwas feucht. Aber ich spürte es jetzt. Mich störte es kaum, denn ich freute mich über diese wirklich ungewöhnliche Wanderung. Und die Tatsache, dass ich sowieso gleich auf dem Platz sein würde. So ging wieder ein Tag vorbei, der auf seine Art voller Superlative gewesen war.
So wie viele auf dieser Reise.

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