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Und wieder ein Reisetag, der auch diesen Namen verdient. Aus der Provinz in die Stadt. Von spärlichen Bussen zu regelmäßigen TGVs. Zurück in die Zivilisation. Und auch ein großer Schritt zurück zum Anfang, zurück nach Nantes. Aber nicht ganz. Noch steht mir ein Aufenthalt in Rennes bevor, einer weiteren großen Liebe. Aber der Reihe nach.
Ein letztes Mal musste ich den Wecker stellen. Um 7:30 Uhr ging mein Bus. An diesem Morgen erfuhr ich, wie angenehm es ist, ein Zelt nicht erst mühsam trocknen zu müssen. Durch die Entfernung zum Meer, das einen Kilometer weit weg liegt, war es nicht feucht. Ein Traum. Einfach einrollen und fertig. Ich hatte damit gerechnet und war entsprechend spät aufgestanden, auch weil der Bus nur 100m vom Campingplatz entfernt hält. Trotzdem stand ich viel zu früh an der Haltestelle. Besser als zu spät, was meinen Aufenthalt hier um viele Stunden verlängert hätte, gab es doch an diesem Tag nur zwei Busse nach St. Brieuc. Ein Alptraum. Denn wenn es Zeit ist abzufahren, ist es Zeit.
Erst dachte ich, der Busfahrer wollte mich ignorieren. Doch dann bremste er recht abrupt. Sie sind das offensichtlich kaum gewohnt, dass jemand hier zusteigen möchte. Kein Wunder, denn mehr als ein halbes Dutzend Fahrgäste sind selten an Bord. So auch an diesem Tag. Keine Ahnung, wie sich der Fahrpreis von 2 € rechnet. Gar nicht wahrscheinlich. Nicht mein Problem. Auf diese Weise kann ich günstig reisen. Zumindest gleichen sich dadurch die etwas teureren Bahntickets aus. In St. Brieuc brauchte ich nicht lange zu warten. 45 Minuten später ging die Bahn nach Rennes, alles in allem also relativ mühelos. Ich habe allerdings manchmal die Angewohnheit, das schlechteste Café am Platz aussuchen. Wahrscheinlich war ich zu faul weiterzulaufen. Das Café Gare (oder so ähnlich) ist jedenfalls eine schlimme Kaschemme. Dreckig und stickig. Über den Kaffee brauchen wir nicht reden. Aber es gilt die alte Wahrheit: Auch schlechter Kaffee wirkt. Und alles in allem ist das das Wichtigste.
Kurz darauf saß ich im Zug, der recht voll war. Als wir abfuhren, sah ich noch einmal kurz das Meer. Es sollte das letzte Mal werden, denn nun ging es stetig in Richtung Inland. Eine gute Stunde später fuhren wir in Rennes ein. Zumindest der Bahnhof war so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Ansonsten hatte sich die Stadt verändert. Statt in die neue Metro zu steigen, beschloss ich, zum Place de la République zu laufen. Ich hätte große Lust gehabt, gleich durch das Zentrum zu spazieren, beschloss aber, erst einmal zum Campingplatz zu fahren. Das Gepäck ist ein bisschen unhandlich.
Im Parc Gayeulle fand ich den Platz nicht sofort. So ist es oft, wenn etwas sehr nah ist, versteckt es sich. Irgendwann sah ich ein Schild. Widerstrebend folgte ich ihm, vermutete ich den Platz doch woanders. Aber das Schild hat natürlich recht. So wie immer.

Rennes

Ich konnte nicht sofort wieder aufbrechen. Das frühe Aufstehen und eine anstrengende Nacht rächten sich. Allerdings wusste ich auch, dass die Stadt nicht wegrennen würde. Ich kannte sie ja, war ein Jahr lang häufig hindurch spaziert. Das hatte ich auch dieses Mal vor. In Rennes kann ich laufen. Laufen. Laufen. Und die Leute beobachten. Ich freute mich darauf. Die körperliche Betätigung würde mir auch guttun, weil sich so mein Hexenschuss bessern konnte, der mich unverhofft zwickte. Von so etwas lasse ich mich nicht aufhalten.
Ich lief sogar gegen Nachmittag vom Parc Gayeulle ins Zentrum, ungefähr eine halbe Stunde Fußweg. Allerdings kam keine Nostalgie auf. Meine Zeit hier ist so lange her, so viele Lebensabschnitte liegen zwischen Damals und Heute, dass keine schwülstige Seufzer zu hören waren. Eher lächelte ich manchmal erfreut, wenn ich etwas wiedererkannte. Am Parc du Thabor lief ich erst einmal vorbei. Dafür ist auch morgen noch Zeit. Stattdessen lief ich durch die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern, meist aber Steinbauten aus dem XVIII. Jahrhundert, die man nach dem großen Brand von 1720 gebaut hat. Es ist wirklich eine interessante Mischung an Gebäuden. Natürlich ist auch moderne Architektur dabei. Mélange Parfait, je dirais.
Ich lief zum Marktplatz, ohne Ziel. Einfach so. Ich wusste nicht, dass ich dort das Auktionshaus befindet. Anscheinend ist dort jeden Montag Auktion. So etwas habe ich noch nie live erlebt. Es herrschte Gedränge, doch ich ergatterte einen Stehplatz an der Tür. Es war wirklich interessant. Kurz nachdem ich angekommen war, wurde eine Rötelzeichnung aus dem XVIII. Jahrhundert versteigert. Wie ich fand, ein Meisterwerk. Für 150 € ging sie weg, eher zögerlich. Also dafür hätte ich sie auch gekauft. Aber der Hammer war gefallen. Es folgten einige schwere Gemälde, von denen ich mich fragte, wie eine Einrichtung aussieht, die dazu passt. Ich möchte es eigentlich nicht wissen. Das Beste aber war eine Palme, ca. zweieinhalb Meter hoch, aus Stahl. Ich glaube, mein Nebenmann steigerte bis 3000 Euro. Und gewann. Sie war eigentlich nicht hässlich. Aber so vollkommen nutzlos und nicht schön genug, um sie als Kunst anzusehen. Nun ja, Geschmäcker sind verschieden. In jedem Fall war die Auktionatorin überaus überrascht, dass das Ding diesen Preis erzielt hatte.
Eine wundervolle Bronze-Plastik in antikem Stil wurde von einem Mann ersteigert, von dem ich den Eindruck hatte, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Zu viele Jahre. Aber das Feuer für Schönheit kennt offenbar keine Grenzen, zumindest körperlich. Mich stimmt so etwas hoffnungsvoll. Allerdings hatte der Helfer, der selbst die Statue kaum halten konnte, trotz seiner jungen Jahre, ein Problem, denn er brachte das gute Stück zum Käufer, um es gegen einen Scheck einzutauschen. Der alte Herr konnte sie unmöglich in Empfang nehmen. Ich glaube, beide einigten sich still und schnell darauf, die Statue liefern zu lassen.
Das Spektakulärste aber war die Versteigerung einer Schale. Ich weiß leider nichts darüber, aber sie stand auf einem Tripod, war aus Metall und herrlich gearbeitet. Ein Gefäß für Könige. Oder Autokraten. Oder Olligarchen. Aber lassen wir das.
Das Gebot ging hin und her, bald schon war jeder im Saal überboten, durch die Telefon-Gebote, an deren Ende internationale Käufer saßen. Käufer ohne Namen und ohne Gesichter. Es ist eine geheimnisvolle Branche.
Das Gebot steigerte sich schnell auf 10.000 €, dann auf 20.000 €. Es wurde hitzig diskutiert, die Nervosität war zu spüren. Es ging weiter, offenbar mussten die mysteriösen Käufer selbst überlegen. Am Ende standen 25.000 €, ersteigert durch einen Käufer, der erst am Ende in die Auktion eingestiegen war. Man muss nicht immer das erste Wort haben. Das letzte reicht völlig.
Es war eine herrliche Stunde. Ich sah mir Rennes danach noch ein bisschen an, schlenderte durch die bekannten Gassen, blieb stehen, bewunderte das Theater, die weiten Plätze und die Stimmung, die aus dieser Studentenstadt entspringt. Verstanden habe ich diese schon damals, 1998, nicht, obwohl ich ebenfalls Student war. Aber bewundert habe ich sie immer. Es ist auch alles, was ich hier suche. Sitzen, laufen. Und beobachten.
Auf diese Weise werde ich die nächsten drei Tage verbringen.

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