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Und an diesem Tag jagte ich doch noch Geister aus der Vergangenheit. Plötzlich fielen mir Namen ein, Gesichter von Gestalten, die vor Jahren schon mein Leben verlassen haben. Vielleicht waren es die Orte, an denen sie mir begegnet sind. Jedenfalls waren sie überall präsent. Kontakt habe ich bis auf eine Ausnahme zu niemandem mehr. Trotzdem fragte ich mich, was aus ihnen geworden ist. 17 Jahre sind eine lange Zeit, vor allem in dieser Epoche des Lebens, kurz vor Ende der Ausbildung oder des Studiums, die die meisten wohl organisierten Charaktere auf eine bestimmte Bahn schleudert. Natürlich nicht immer, wie man an mir sieht, aber ich bin auch nicht organisiert. Sie waren alle so jung, meist weit jünger als ich, also Anfang 20, während ich bereits Ende 20 war. Der Abstand schien gewaltig, auch wenn er es wahrscheinlich nie war. Heute sind diese Menschen alle fast 40. Ich 45. Also nahezu unterschiedslos, was das Alter angeht. Ich fragte mich, wer von den Leuten das erreicht hat, was ihm oder ihr vorschwebte. Besonders bei einer Frau hätte ich es brennend gerne gewusst. So deplatziert wirkt sie an einer Wirtschaftsschule, ein wenig so wie ich, mit leichten Unterschieden. Ich glaube nicht, dass sie damals ihre kreative Ader genug angezapft hat. Ein wenig musste sie, doch nicht genug, um sie gesund zu machen. Sie spielte im Schultheater, zeichnete ein wenig, alles nicht genug. Das Geld ihres Vaters hat sie erdrückt. Es ist schade, dass ich nie herausfinden werde, was aus ihr geworden ist, denn ich habe ihren vollständigen Namen vergessen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann würde ich Emily wünschen, eine reiche Mäzenin zu sein. Ihre heimliche Liebe habe ich damals nicht bemerkt, zu filigran, zu vergeistigt, etwas, dass ich erst heute verstehen. Jahre habe ich nicht mehr an sie gedacht. Jahrzehnte fast. An diesem Tag lief ich an dem Haus vorbei, in der sie eine hübsche Mansardenwohnung bewohnte. Mehrfach war ich dort, immer als geistig Verwandter. Manchmal sind die Affären, die man nicht hat, wichtiger. Damals wusste ich nur etwas mit oberflächlicher Schönheit anzufangen. Und mit Körperlichkeit, wahrscheinlich normal in diesem Alter. Heute weiß ich, dass das geistige allem voran steht. So wurde nie etwas aus Emilie und mir.

Parc du Thabor und Rennes

Natürlich begegneten mir noch mehr Geister. Es ist schon komisch. Ein Ort, an dem die Menschen fehlen, die ihn einst angefühlt haben, ist ein vollständig anderer. Die Straßen und Geräusche sind die gleichen. Aber das vertraute Gefühl ist verschwunden. Was ich einst kannte, ist fort. Neues ist dort. Das Leben, das weitergeht und andere Wege findet. Es ist ein schönes Gefühl, dass es nie aufhört. Ich wette, in 100 Jahren, etliche Generationen später, wenn alle, die heute hier sind, zur Vergangenheit gehören, ist es ebenso. Ein beruhigendes Gefühl. So wiegt doch Verantwortung, in allem einen Sinn zu finden, viel leichter.
Es bleibt von diesem Tag nicht viel zu erzählen. Ich lief die ganze Zeit durch Rennes, sog die junge Atmosphäre in mich auf. Es war ein unbestimmtes Schlendern ohne Ziel, pausenlos und voller intensiver Eindrücke und Gedanken. Um ehrlich zu sein, es war erschöpfend. Zwar war ich nicht früh unterwegs, aber nach einigen Stunden konnte ich nicht mehr. In der Bar Scoop, die noch immer existiert, schrieb ich lange. Doch eine körperliche Pause nutzte nichts, wenn es keine geistige gibt. Zu allem Überfluss machte ich noch den Fehler, zum Parc Gayeulles zurückzulaufen. Als ich auf dem Campingplatz ankam, aber ich schlichtweg erschossen. Es macht nichts, denn es war bereits 19 Uhr.
Morgen ist bereits der letzte Tag der Reise. Denn Donnerstag sehe ich den einzigen Menschen wieder, der mir aus dieser Zeit von vor 17 Jahren geblieben ist. Laurence, meine beste Freundin, die diesen Rang behalten hat, weil wir so weit entfernt wohnen. Es klingt hart, aber so ist das mit schizoiden Persönlichkeiten.

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