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In der Nacht wachte ich aufgrund eines eigenartigen Klapperns auf. Es war mir zuerst nicht ganz ersichtlich, wo es herkam, auch weil ich wegen der naheliegenden Straße Ohrenstöpsel trug. Dann bemerkte ich, dass es meine Zähne waren.
Keine besonders originelle Geschichte.
Im Ernst, es war so kalt, dass mein Schlaf unruhig und anstrengend war. Trotz Jeans und Fleece-Shirt, es wollte sich keine angenehme Nachtruhe einstellen. Mir ist nicht ganz klar, warum ich aus dem sommerlichen Deutschland in den Süden gefahren bin. Ich schreibe diese Zeilen allerdings unter dem grantigen Eindruck des unschönen Erlebnisses, so dass ich um Verständnis bitte.
Es ging nicht besonders angenehm weiter, denn um neun Uhr standen Bauarbeiter Spalier, die eine kleine Betonmischmaschine direkt neben meinem Zelt parkten. Ich dachte noch, dass das wohl ein Spaß sein müsste, wurde aber zehn Minuten später eines besseren belehrt. Das Ding knatterte und stank, an einen schönen sonnigen Morgen nach einer auslaugenden Nacht war nicht zu denken.
Also packte ich ein. Mir langte es nun.
Langsam zog ich den immer schwerer werdenden Koffer hinter mir her. Es ist noch besser als ein Rucksack, meine ich zumindest. Auch wenn ich durchaus auf das Krafttraining im Urlaub verzichten kann, denn es ist doch etwas anstrengend. Aber es ist eine interessante Art, auf Reisen zu gehen.
Als ich zum Zug ging, verlor ich zu allem Überfluss noch mein Ticket, das mir ein gewissenhafter sehr junger Franzose sofort hinterher trug. Vielleicht war das die karmische Rückgabe für das gestrige Abgeben des Smartphones.
Es hat mich trotzdem gefreut.
Im Zug saß ich einer dementen alten Frau gegenüber, die eine arme Französin unterhielt und es auch fertigbrachte, mich in die Unterhaltung einzubinden. Sie erzählte viel. Und gleichzeitig sagte sie gar nichts, denn ihre Geschichten, die meist sehr traurig waren, wiederholten sich in regelmäßigen Abständen. Es ist herzzerreißend, wenn von einem Leben nur wenige und dazu auch noch furchtbare Geschichten von Krankheit und Tod bleiben. Wenn sie doch wenigstens in den guten Zeiten gefangen wäre, zumindest wäre sie fröhlicher. So aber nutzte ich die erste Pause, um mich hinter meinem Buch zu verkriechen, froh, dass nun die Französin das Gewicht der Unterhaltung tragen musste. Sie tat mir ein wenig leid, aber ich kann das einfach nicht. Ich erinnere mich an ähnliche Szenen aus meiner Zeit als Zivildienstleistender vor 20 Jahren. Damals war ich noch toleranter, obwohl ich eine ähnliche Unruhe verspürte, dieser damals aber nicht wie heutzutage nachgab und höflich versuchte aufzupassen. Zumindest schaffte ich es nach einigen Minuten, wirklich zu lesen. Wirklich entspannen konnte ich mich jedoch nicht.

Carcassone erreichten wir eine Stunde später, sogar auf direktem Wege. In einer mir unglaublich zumutenden Planungsphase hatte ich den Weg vom Bahnhof zum Campingplatz nicht nur ausgedruckt, sondern war ihn via Google-Maps virtuell einmal abgelaufen. Soweit ist es also schon gekommen, eines Tages verreist man nicht mehr, sondern setzt sich vor den PC. Billiger wäre das. Aber auch langweilig.
In jedem Fall musste ich ca. viel Kilometer laufen, um mein Ziel zu erreichen. Ziemlich dumm, wenn man bedenkt, dass auch ein Bus in der Nähe gehalten hätte. Aber das war zu viel der Planung, was ich am Ende befriedigt feststellte. Ich bin eben doch ein Bauchmensch, auch wenn ich ab und an Anwandlungen habe, die anderes vermuten lassen könnten.

Nach dem Campingplatzdesaster in Perpignan (es gibt ihn nicht mehr, er war sicher zu dreckig und alt gewesen) war ich dieses Mal angenehm überrascht. Der Platz ist weiträumig, gut gepflegt mit einzigartigen Anlagen. Außerdem ist er noch kostengünstig, frisches Baguette bekomme ich morgens ebenfalls, also ist alles da, was ich brauche. So mag ich das.

Diesen Tag habe ich eher der Reise und anderen Angelegenheiten gewidmet, so dass ich die alte Stadt und Burg, an der ich auf dem Weg zum Campingplatz vorbeikam, erst einmal links liegen ließ. Im wahrsten Sinne. Bevor ich mich mit der Reise auseinandersetzen kann, muss ich mich tiefer liegenden Bedürfnissen widmen. Nachdem ich also das Zelt aufgebaut hatte, lief ich schnurstracks zurück in die Neustadt, die auch ziemlich alt ist, und erkundigte mich nach einem Centre Commerciale. Es musste eines sein, denn in kleineren Supermärkten gibt es keine Decken, wie ich sie brauche. Das Glück war mir in dieser Situation hold, denn unweit des Bahnhofes fuhr einige Minuten später der Bus zu Géant. Dort konnte ich eine große dicke Fleecedecke erwerben. Wie ich die auch noch tragen soll, ist mir ein Rätsel, aber wir werden sehen. Besser öfter den Bus nehmen, als nachts zu frieren. Das Schöne war, dass ich innerhalb von wenigen Minuten wieder aus dem Laden heraus war und den gleichen Bus zurück in die Stadt nehmen konnte, anstatt nochmals zwei Stunden auf den nächsten warten zu müssen. So etwas entspannt mich, denn ich habe mehr Zeit, um zum Beispiel dieses Journal zu führen. Hier sitze ich also, auf einem weiten Platz in der Innenstadt, Place Carnot, höre von überall her englisch und werde trotzdem auf französisch angesprochen, was mich mehr freut, als ich hier ausdrücken kann. Ich verstehe fast alles, auch wenn ich weiß, dass es nur die üblichen touristischen Sätze und Worte sind. Trotzdem ist es ein Anfang. Mein Unterricht zuhause hat sich schon jetzt gelohnt. Französisch wirkt nicht mehr so fremd, wird langsam zu einem Teil, den ich wie selbstverständlich abrufen kann.

Morgen ist Sonntag. Ein perfekter Tag also für Sightseeing.

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