Rethymno

Gestern wollte ich eigentlich noch etwas mehr unternehmen. Aber die Hitze gepaart mit der hohen Luftfeuchtigkeit und der Tatsache, dass meine Vermieterin endlich die Fernbedienung für die Klimaanlage geliefert hatte, ließen mich im Appartment förmlich vor Wonne erstarren. Ich muss daran denken, was die Klimaexperten in den letzten Jahren oft gesagt haben. Hitze ist für den Menschen erst unangenehm, und, wenn sie extrem ist, durchaus auch mal tödlich. Zwar waren wir hier noch weit davon entfernt, aber mit vorhergesagtem 35 Grad war es schon knackig heiß. Anders als im Winter also, wo Menschen es sich vor einem Feuer gemütlich machen, tat ich dasselbe in dieser angenehm temperierten kleinen Wohnung. Ich dachte darüber nach, noch irgendwo hinzugehen, aber konnte mich dazu nicht durchringen. Keine Ahnung, warum das alles so schwierig ist. Aber ich habe den Eindruck, dass im vielen Fällen meine Reisetätigkeiten eher schon nachmittags enden. Auf ein weiteres Museum hatte ich keine Lust, auf die doch recht kleine Innenstadt auch nicht. Ich war ganz froh, dem Trubel erst einmal entkommen zu sein. Und der Strand am Stadion im Westen der Stadt, mitsamt einer Fabrik am äußersten Ende, schien mir auch nicht gerade einladend.
So also ging ich nur noch einmal kurz einkaufen, suchte dabei zwei Supermärkte und eine Bäckerei auf, um fünf „Gegenstände“ für das Abendessen zu erwerben, dann schloss ich praktisch meinen Besuch in Heraklion erst einmal ab.
Am nächsten Tag erwachte ich endlich einmal zeitig um halb sechs. Es war noch dunkel. Kein Wunder, denn es ist offiziell bereits Herbst. Zum Glück aber sehr früher.
Ich machte eine kurze Yoga-Session, arbeitete an meiner Beweglichkeit, was aufgrund der eingeschränkten Platzverhältnisse so ziemlich das Einzige ist, das ich machen kann. Alles nicht so schlimm. Mir tat von der gestrigen Abendsession noch der Bauch weh, zehn Minuten Abs-Training, das erste seit vielleicht zwei Monaten hatten geschmerzt. Aber dieser Urlaub macht mich ein wenig schwabbelig. Unschön. Vor allem in meinem Alter. Ich habe mir auch vorgenommen, den Weinkonsum einzuschränken. Am liebsten würde ich ihn gänzlich abschaffen, aber dafür trinke ich ihn zu gerne. Mal sehen.
Gegen sieben war ich eigentlich fertig zum Aufbruch. Ich hatte alles soweit gepackt, hatte abgewaschen und die Wohnung in einen Zustand versetzt, in dem ich sie verlassen konnte. Als ich unten mein Rad bepackte, sprang die Kette heraus.
Herrlich.
Das Einsetzen ist zwar nicht schwierig, dafür aber dreckig. Zum Glück hatte ich noch den Schlüssen zur Wohnung, so konnte ich die schmierigen Finger schrubben, um nicht allzu verdreckt reisen zu müssen.
Dann folgte ein weiteres Mini-Abenteuer.
Noch nie war ich mit diesem Rad vollgepackt unterwegs gewesen. Ich weiß nicht, warum mich das beeindruckte, in Berlin habe ich bereits 45 Kilometer von der Wohnung bis zur Datsche vollkommen überpackt hinter mich gebracht. Aber hier war das anders.
Wie erhofft ging es problemlos. Wenn man erst einmal unterwegs ist, spüre ich gar nicht, dass das Rad schwerer ist. Es ist nur wackelig, wenn ich anhalte. Aber das kenne ich. Und beim Abstellen muss ich aufpassen, der hintere Teil ist schwerer als der vordere, also hebt sich, wenn ich nicht aufpasse, das Vorderrad an. Sehr lustig.
Ich radelte wieder durch das Zentrum. Was auf der Hintour vor drei Tagen mehr als eine Stunde gedauert hatte, erledigte ich tatsächlich innerhalb weniger Minuten. Dann traf ich beim KTEL-Busbahnhof ein. Der Ticketkauf dauerte vielleicht eine Minute. Zehn Minuten später kam der Bus. Ich war noch etwas nervös, weil ich nicht wusste, ob der Busfahrer das Rad mitnehmen würde. Aber letztlich war ich es, der es unter seinen interessierten Augen zusammengefaltet in die Eingeweide des Gefährts verfrachtete.

Pünktlich um halb Neun fuhren wir ab. Nur um eine halbe Stunde im Stau zu stehen. Dann aber bogen wir auf die Bergstraße ab. Herrliche Ausblicke. Was für eine Insel Kreta doch ist. Hohe Berge, traumhafte Strände, und, wie ich hoffe, auch interessante Altstädte, die noch kommen sollen.
Um Zehn kamen wir in Rethymno an.
Ich entfaltete das Rad, packte wieder, was ein paar Minuten dauert, aber sicher ist sicher, dann war ich wieder on the road. Mein Navi steuerte mich ziemlich traumhaft durch die Innenstadt, später dann auch weiter draußen. Camping Elizabeth war mein Ziel. Das erste Mal seit dreieinhalb Jahren im Zelt. Ich bin gespannt. Mal sehen, was die Zeit mit mir und meinem Körper gemacht hat. Ich kam an, wurde eingecheckt, baute das Zelt im Schatten auf, lunchte kurz. Dann tat ich etwas, das ich von nun an öfter machen möchte: Ich sprang ins Meer, das keine 20 Meter entfernt von meinem Zelt vor sich hinrauscht. Es ist alles so einfach beim campen, das hatte ich fast vergessen. Alles ist da, nicht luxuriös, aber vorhanden. Vor allem Tisch, Stuhl, Kühlschrank, etwas, das es nur auf griechischen Campingplätzen gibt. Was brauche ich mehr?
Gegen 13 Uhr fuhr ich erneut in Richtung Stadt und weiß schon jetzt das Rad zu schätzen. Zu Fuß wäre ich sicher eine Stunde unterwegs gewesen. Jetzt aber nur wenige Minuten.
Rhethymno allerdings enttäuschte mich ein wenig. Bar an Bar, Restaurant an Restaurant, die „Touts“ extrem aggressiv, weil die Touristenströme merklich nachgelassen hatten. Die Altstadt hat etwas, ich merkte rasch, dass ich mich lieber etwas von der Uferpassage fernhalten muss. Schön fand ich den alten Fischerhafen, der aber auch mit Restaurants belegt ist. Wenn man den Fehler macht, auch nur in die Richtung einer Speisekarte zu schauen, ist sofort jemand da, der einen bittet, sich doch zu setzen. Oder Kellner schmeißen sich mir in den Weg, auch erlebt. Fällt jemand auf so etwas herein? Wahrscheinlich, sonst würden sie es nicht machen.
Ich sitze jetzt in einem recht einsamen Café und schreibe. Gleich gehe ich nochmal durch die Altstadt. Ich weiß noch nicht, was ich in den nächsten Tagen unternehmen werde. Aber irgend etwas wird sich schon ergeben. Besonders gestresst habe ich mich bis jetzt ja nicht, was das Reisen betrifft. Vielleicht ist das eine griechische Sache.
Ich jedenfalls kann damit leben.
Nachtrag:
Tatsächlich hatte ich die eigentliche Altstadt Rethymnos noch gar nicht entdeckt. Nach meinem Kaffee lief ich nochmal los und fand mich kurz darauf in den Gassen wieder, von denen ich eigentlich gedacht hatte, sie vorher gefunden zu haben. So ist das manchmal, wenn man etwas zu schnell urteilt.
So wurde ich versöhnt. Denn Rethymno ist wirklich schön. Natürlich touristisch, aber es gibt noch viele Gassen, die kaum Geschäfte haben. Hier ist es dann ruhiger. Auch nette Cafés gibt es etwas abseits der üblichen Ströme und ich ärgerte mich, dass ich mich schon vorher zum Schreiben hingesetzt hatte. So etwas ist wichtig.
Ich fand außerdem einige Sehenswürdigkeiten. Eine alte Moschee, das archäologische Museum, das Museum for Contemporary Art und natürlich das venezianische Fort. Letzteres überlegte ich zu besuchen, aber bei nur zwei Euro lohnt es sich wahrscheinlich nicht. Eher die beiden Museen, dachte ich mir, aber erst am nächsten Tag. Heute setzte ich das Flanieren fort, zwei Stunden spazierte ich durch die Stadt und war danach angenehm kulturell gesättigt. Ich hatte genug aufgenommen. Meine Radfahrt zurück zum Campingplatz war wie zuvor ereignislos. Vorbei an billigen Speisesälen, Shops für den Strandbedarf, winzigen Supermärkten und, auf der Strandseite, Meilen an Sonnenschirmen und -liegen. Obwohl die Saison hier am Abflauen ist, herrscht doch noch Betrieb.
Morgen werde ich wieder in die Stadt fahren, mal sehen, was ich entdecken kann. Und meinen Kaffee werde ich jedenfalls im Labyrinth Rethymnos trinken. Ist allemal atmosphärischer als das Etablissement, das ich heute aufgesucht habe.