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Toulouse machte es mir nicht leicht.
Schon die Nacht war wieder einmal eisig, die Feuchtigkeit kroch auch in den letzten Winkel, so dass ich unruhig schlief. Um vier wachte ich auf, keine schöne Angelegenheit, denn das Einschlafen fiel mir danach schwer. Das Aufwachen um halb neun ebenfalls. Alles schien irgendwie klamm, meine Glieder eingeschlossen. Es war ein schwieriger Start in den Tag, der mich zum Nachdenken brachte. Irgendwie bin ich noch nicht richtig hier angekommen. Zwar besichtige ich Städte und Orte, aber es geschieht eher aus einer Routine heraus. So lange habe ich mich auf den Urlaub vorbereitet, habe ihn herbeigesehnt. Nun, da er da ist, bin ich merkwürdig gleichgültig. Vielleicht liegt es am Wetter. Ich hoffe es. Und darauf, dass es sich endlich einmal ändern möge, denn 8 Grad nachts sind auf die Dauer anstrengend. Nächstes Jahr werde ich in jedem Fall einige Wochen später und etwas weiter in den Süden fahren. Aber eines nach dem andern. Noch bin ich hier und werde definitiv das beste daraus machen. Vielleicht wandelt sich auch meine Gleichgültigkeit irgendwann in pure Begeisterung. Ich kann das.
Im Grunde brauchte ich nicht lange warten. Das Warten auf den Bus wurde nochmals zu einer kleinen Qual, die Straße, an der ich warten musste, hatte ich gestern zur Genüge kennengelernt. Laut, stinkend, eine schier unnötige Angelegenheit.
Als er endlich ankam, der Bus, war ich einige Minuten später bereits in den Außenbezirken von Toulouse. Eine andere Welt. Noch einige Stationen mit der Metro, dann war ich endlich da.
Es war einfach bezaubernd, vom ersten Augenblick an. Wie auf Bestellung brach die Sonne hervor, als ich den Eingeweiden der Metro entwich. Zwar war es noch immer recht kühl, aber das war mir egal. Die Station, an der ich ausstieg, war Jean Jaurès, ich lief geradewegs auf den hübschen Place Wilson zu, der von niedrigen Gebäuden aus roten Backsteinen, die hier oft vorkommen, umrahmt wird.
Ich hatte mir nichts vorgenommen, wollte einfach nur etwas Atmosphäre schnuppern. Letztlich verbrachte ich damit den ganzen Tag.
Ich bin ein großer Flaneur.
Nicht einmal den Stadtplan nahm ich zur Hand. Ich wollte mich einfach nur ein bisschen verlieren, die Stadt aus meinen Augen entdecken, bevor mir jemand anderes etwas anderes aufschwatzen kann. Zum Beispiel der Loneley Planet oder der Rough Guide. Ersteres hatte ich in elektronischer Form sogar dabei. Aber er blieb in meinem Rucksack.
Kurz darauf fand ich die Rue d’Alsace (ich sehe gerade auf dem Stadtplan nach, als ich dort war, wusste ich das nicht), ein Hausmannscher Boulevard mit den üblichen High-Street-Geschäften. Aber er hat etwas, denn die prächtigen Bauten mit eindrucksvollen Fassaden, dazu die Weite der unbefahrenen Straße, machten viel her. Auch waren nicht viele Menschen unterwegs, was mir ein immenses Gefühl von Freiheit gab, denn ich schien den Ort fast für mich allein zu haben.
Links und rechts vom Boulevard gingen kleine Seitenstraßen ab und ich wusste, dass ich mitten im alten Viertel von Toulouse war, wenn ich einer folgen wollte. Aber noch war ich nicht so weit, ich lief den Boulevard weiter, der irgendwann endete. Vielleicht war es Glück, aber ich bog rechts ab und stieß kurz darauf auf die Garonne. Ein breiter Fluss, der die Stadt bestimmt. Ich beobachtete ihn ein wenig, von der Pont Neuf aus.
Dann aber war es Zeit, mich ins Gewühl der Vieille Ville zu stürzen. Es ist ein Gewirr aus kleinen Straßen, das laut Reiseführer im 18. Jahrhundert entstanden ist. Entsprechend charismatisch ist es auch. Anders als in der Rue d’Alsace bestimmen hier kleine Läden und eine Vielzahl von Restaurants und Cafés das Bild. Die Stadt wurde langsam lebendiger, was angenehm war. Studenten beleben sie in einem Maße, das ihr gut tut. Toulouse ist kein Freiluftmuseum, wie Carcassonne, sondern eine Stadt, die vibriert. Vielleicht erinnerte sie mich an meinen einstigen Studienort Rennes weiter im Norden. Wettertechnisch wären die beiden Städte auch vergleichbar. Aber lassen wir das.
Die Häuser betrachtete ich, ohne mir allerdings viel merken zu können. Roter Backstein bestimmt das Bild. Es bröckelt ein wenig und doch ist alles in feinster Ordnung und renoviert.
Irgendwann erreichte ich zufällig den Place du Capitole. Es war Markttag, leider kein sehr schöner Markt, eher einer mit Billig-T-Shirts und falschen Markenuhren. Mir kam er allerdings gerade recht, denn ich erstand endlich für einige Euro eine Jogginghose, die ich aufgrund der kalten Nächte dringend benötige. Es ist traurig, aber wahr. Nachdem dieses Problem erledigt war, fühlte ich mich auch besser. Kälte ist etwas Unschönes. Besonders nachts. Den Place du Capitole muss ich mir morgen in seiner schier grenzenloses Weite morgen nochmal ansehen, denn es muss wirklich eindrucksvoll sein. Heute war er zugestellt, aber noch ist nichts verloren.
Ich streifte also weiter durch die Straßen der Altstadt. Besonders der Place St. George gefiel mir. Er ist kleiner, doch mit seinen gemütlichen Cafés und Restaurants nicht weniger einladend. Da ich es mir zurzeit nicht leisten will, in einem dieser wirklich anziehenden kulinarischen Tempel zu speisen, setzte ich mich auf eine der Sitzgelegenheiten und lunchte Pain de Campagne und Camembert. Zum ganzen Glück fehlte eigentlich nur ein Glas Rosé, aber mittags ist dafür ohnehin nicht gerade die beste Zeit.

Das war der Augenblick, in dem ich doch einmal die Karte hervorholte. Nicht dass ich Toulouse bereits verstand, denn das Gewirr ist doch etwas weitläufiger. Aber es war zumindest interessant. Danach steuerte ich das Couvent des Jacobins an. Die Kirche besteht, wie ich meine, aus zwei Schiffen, die durch schlanke Säulen getrennt sind. Sie reckt sich stolz in die Höhe und ist von Licht durchflutet. Die Atmosphäre ist heiter, vielleicht auch, weil der Innenraum fast leergeräumt war. Mit weiten Plätzen haben sie es hier. Mir ist es recht. Der Sinn für Raum ist wichtig.
Jetzt aber war es wirklich Zeit für einen Kaffee. So viele Cafés hatte ich passiert, in jedes wäre ich gerne eingekehrt. Wo ich schließlich endete, weiß ich nicht mehr so genau. Es hieß „irgendwas Voisin“. Ein Ort mit vielen Studenten, aber das trifft wahrscheinlich auf alle zu.
Das Schöne an diesem Urlaub ist, dass ich dem Internet nicht mehr so verfallen bin. Zwar sah ich kurz nach, ob ich ein Netz hatte, war dann aber zu faul, um zu fragen, wie das Passwort heißt. Das wäre mir in den vergangenen Jahren nicht passiert. So saß ich glücklich auf der Straße an einem Tisch, las im E-Reader über Toulouse und ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen, die ab und an auftauchte und mich wahrscheinlich verbrannte. Einige müßige Minuten, die ich genoss, bevor es mich weiterzog.
Die Basilique S. Sarnin war in der Nähe. Ein, wie ich glaube, romanischer Bau, der dafür aber ebenso recht hell und auch hoch ist. Mir sind romanische Kirchen immer eher dunkel in Erinnerung. Nicht dieser hier. Morgen werde ich nochmals zurückkehren, um die Krypta anzusehen. Der Loneley Planet empfiehlt das. Es kostet nur zwei Euro.
Auch das Museum St. Raymond sieht interessant aus. Antike Statuen, wie ich meine. Vielleicht werde ich es besuchen, das hängt wahrscheinlich vom Wetter ab.
Immer weiter schlenderte ich danach. Es zog mich zurück zum Fluss. Die Gebäude am Quai Lucien Lombard beeindruckten mich besonders. Ebenfalls aus rotem Backstein. Es muss fantastisch sein, hier zu wohnen. Immer mit Blick auf den Fluss, einen Steinwurf vom Leben der vibrierenden Stadt entfernt, direkt an der Promenade, wo es sich bestimmt zu jeder Tageszeit flanieren lässt.
In der Nähe befindet sich auch das Café des Artistes. Ich lief nur vorbei, werde dort aber morgen einen Kaffee trinken. Schon aus Prinzip, wenn man mir schon ein Café widmet, muss ich auch hingehen. Das gebietet die Höflichkeit.
Nach sechs Stunden des beinahe durchgängigen Promenierens spürte ich meine Beine kaum mehr. Zeit also, den Heimweg anzutreten. Morgen habe ich noch einen Tag für diese wundervolle Stadt. Mal sehen, was der so bringen mag.

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