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Es war ein langer Winter.
Mein Wetter-Gedächtnis ist nicht besonders gut, ein Segen, wenn ich mich nicht an die dunkle Jahreszeit erinnern muss. Aber dieses Mal ist es anders. Bis weit in den April hinein war Berlin fest in der Hand des Eises. Dann ging alles ganz schnell. Vor vier Wochen war es mit einem Schlag vorbei. Jetzt ist alles grün, die Vögel sind wieder da und veranstalten ein kreischendes Gezeter und alles scheint vergessen. Vielleicht bin auch ich in einigen Tagen soweit, die erlebte Kälte von mir abzuschütteln. Zeit wäre es in jedem Fall.
Wie es der Zufall möchte, ist heute der Tag, an dem ich vor drei Jahren Marokko verließ, eine Reise also, die mich irgendwie bis heute prägt. Das Flair dort hat mich nie losgelassen, die Eindrücke waren so tief, dass ich mich an fast jede Minute plastisch erinnern kann. Vielleicht konnte ich deshalb so schnell überzeugen lassen, nach Südfrankreich zu fahren, das ja ganz entfernt an einigen Orten an den Orient erinnert. Vielleicht ist es auch die Sprache, die ich in den letzten Monaten begonnen habe aufzufrischen. Ich weiß, dass eines Tages der Zeitpunkt kommen wird, an dem ich woanders eine neue Herausforderung annehmen möchte. Frankreich ist ein Land, das mich immer angezogen, gleichzeitig abgestoßen hat. Immer war da diese Barriere, die nicht nur kulturell, sondern auch sprachlicher Natur war. Das soll sich ändern und wenn es noch einige Jahre dauern wird, französisch werde ich in diesem Leben noch lernen. Und auch italienisch, denn das ist das nächste, das ich angehen möchte. In all den Jahren, in denen ich nichts gelernt habe, ist mein Gehirn wirklich etwas eingeschlafen. Es hat ein wenig gedauert, bis es wieder bereit war, Neues aufzunehmen, auch wenn das Neue eher Altes war, das ich wiederfinden musste. Trotzdem ging es recht schnell, wieder hineinzufinden in die Rolle des Schülers, mit dem Unterschied, dass es keinen Lehrer gibt. Ich mache es wie im Leben, ich bin selbst mein bester Lehrer. Zeit spielt keine Rolle, ich lasse mich nicht hetzen, außer von mir selbst, was oft schlimm genug ist.
So also kommt es zu der Reise, die ich heute Morgen begonnen habe. Gestern kam das Auto aus der Werkstatt, gerade rechtzeitig also, neu bestückt mit Radlagern und Bremssystem hinten. Nochmals eine gehörige Investition, wenn man bedenkt, dass alles im Herbst vorbei ist, denn dann heißt es Abschied nehmen von meiner fahrenden Wohnung, die mit fast 19 Jahren jemand anderem gehören darf. Bevor die wirklich großen Investitionen beginnen.
Viel habe ich gelernt von den zurückliegenden Fahrten. Heute stand ich zwar früh auf, ließ mich aber wieder nicht hetzen. Ich arbeitete noch ein wenig, machte eine Kurzgeschichte soweit fertig, dass ich sie an die Veranstalter eines Wettbewerbs schicken konnte. Am Frühstückstisch dachte ich an meinen neuen Roman, den ich bereits begonnen habe zu schreiben. Und an den nächsten, eine Krimireihe, die im Berlin der Kaiserzeit spielen wird, für die ich aber noch reichlich recherchieren muss und möchte (Anmerkung Jahre später: Dieses Projekt hat sich nie realisiert, ein seltener Fall, aber mein Kopf mag sich nicht um das Thema von Kriminalgeschichten drehen). Gedanken an meine Pflichten, endlich einmal wieder in Lohn und Brot zu kommen, schiebe ich zurzeit weit weg. Nicht ohne ein mächtig schlechtes Gewissen zu haben, denn es ist mir ganz sicher bewusst, welch riesiges Privileg ich lebe. Gibt es einen Menschen, der wirklich freier ist, als ich? Nur meine eigenen Schuldgefühle stehen dem noch im Wege, aber die werde ich nicht so schnell los, wie sich gezeigt hat. Kaum einen Straßenarbeiter kann ich passieren, kaum eine Verkäuferin sehen, ohne daran zu denken, dass auch diese Menschen sicher lieber woanders wären, ganz so wie ich jetzt. Aber es ist müßig, darüber zu lamentieren. Ich hatte schlicht und ergreifend Glück, nicht mehr und nicht weniger. Denn durch harte Arbeit habe ich mir diesen Zustand nicht verdient, was es manchmal schwer erträglich macht. Natürlich arbeite ich auch hart, schreibe täglich, recherchiere viele Stunden, aber das ist alles brotlos und vielleicht auch sinnlos. Aber das wird die Zukunft zeigen.
Zurück zur Reise. Nach 350 Kilometern erreichte ich heute die erste Etappe. Nicht sehr weit, aber so hatte ich es gewollt. Wirsberg hatte ich mir auserspäht. Nur weil es dort einen Stellplatz gibt, der schön liegen soll. Das stimmt auch, mitten im Wald, direkt an einem kleinen Bach. Es ist nicht viel los, aber das macht nichts. Es wäre sicher eine schöne Wandergegend, aber das Wetter soll umschlagen, was die drohenden Wolken auch ankündigen. So konnte ich es bei einem kurzen Spaziergang in den Ort und in den Wald bewenden lassen, was mir ganz recht ist. Morgen fahre ich nach Regensburg, um nach vielleicht 12 Jahren meine Cousine wiederzusehen. Ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hat, sie nach all den Jahren wieder zu kontaktieren, aber es schien richtig. Also werden wir morgen sehen, was geschieht.
Der Plan ist, danach in den Elsass zu fahren und mich dann nach und nach in Richtung Provence vorzuschieben, wo ich am 25.5. sein muss, weil Nina dann eingeflogen kommt. Es ist perfekt auf diese Weise, weil ich zum Einen ich etwas Zeit für mich habe und reisen kann, und zum Anderen Nina nicht dem Stress der langen Fahrt ausgesetzt ist. Auch wenn sie zwei Wochen später wieder abfliegen wird, reise ich noch ein wenig weiter, denn wenn es schon eine der letzten Fahrten sein soll, soll es sich doch wenigstens lohnen. Die Bretagne ist geplant, dieser magische Ort, wo ich 1998 ein Jahr leben durfte. Es ist eine gewaltige Tour. Für Mensch und Maschine. Aber wir haben schon viel mehr hinter uns gebracht.

Und heute ist der Anfang. Und ohne den geht es einfach nicht. Ob die Reise nun lang ist oder nicht…

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