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Und wieder stürmte es. Manchmal habe ich den Drang, einfach im Zelt liegen zu bleiben. Und dann? Von Coelho stammt der Satz: „Wer nur bei Sonnenschein läuft, kommt nie an“. Nun, das muss man zwar übertragen, aber ich konnte es auch auf mich beziehen. Also zögerte ich nicht länger und stand auf. Viel hatte ich ohnehin nicht vor. Ich wollte zum Pointe Saint Mathieu laufen, ca 5 km entfernt. Die Sonne schien übrigens trotz des mitunter kalten Windes ohne Unterlass. Auf den meisten Bildern, die ich schoss, strahlt der Himmel. Den Wind sieht man ja leider kaum. Allerdings stört er immer weniger.

In Le Conquet war Markttag. Natürlich war der Markt winzig, es handelt sich ja nur um eine Kleinstadt. Aber es war alles da, was man brauchte. Brauchen könnte, denn ich war versorgt. Im Übrigen schränke ich mich immer weiter ein. Eigentlich brauche ich nicht viel zum Leben. Bei jedem Gegenstand oder Artikel denke ich darüber nach, ob ich ihn tragen will. Wenn nicht, kaufe ich ihn nicht. Oder ich verbrauche ihn, bevor es weitergeht. Im Grunde eine schöne Einstellung. Vor allem weil ich alles habe, was ich brauche.
Bald befand ich mich außerhalb der Stadt, auf dem Küstenweg in Richtung Saint Mathieu. Das ich übrigens schon von Weitem sehen konnte. Der Leuchtturm ist einfach so dominant, dass er aus größter Entfernung zu bemerken ist. Schon von Camaret aus habe ich ihn erkennen können. Ich war übrigens bereits einmal hier. Es ist viele, viele Jahre her. Mehr als zehn. Es war zur Hochzeit meiner Freundin Laurence. Sie hat hier ihre Hochzeitsfotos schießen lassen. Ein wirklich geeigneter Ort. Damals hatte ich naturgemäß kaum Zeit für die Gegend. Sie ist mir aber in Erinnerung geblieben.

Weg zum Pointe Saint Mathieu

Die beeindruckenden Klosterruinen, die gleich nebenan stehen, hatte ich aber beinahe vergessen. Sie passen sich wunderbar in die Dramatik der Landschaft an. In einem recht unscheinbaren Bau nebenan ist eine Gedenkstätte untergebracht. Diese hinterließ einen bleibenden Eindruck. Hunderte von Bildern hängen an der Wand, Bilder von Seeleuten, die im ersten oder zweiten Weltkrieg umgekommen sind. Es hängen nur die Bilder an der Wand, sonst keinerlei Informationen. Das Problem mit Kriegen ist immer, das sie im Grunde von Buchhaltern erzählt werden. Soundsoviele Tote, Vermisste, Verwundete. Die Menschen hinter diesen Zahlen bleiben in den meisten Fällen gesichtslos und anonym.
Nicht hier.
Ich blieb lange und sah mir die Menschen an. Meist junge Männer, die vor Leben nur so sprühten. Sie alle strahlten etwas aus, dass man nur in der Jugend kennt, den Gedanken an die Unsterblichkeit. Mit dem Tod setzt man sich nicht auseinander. Ich meine, das in den Gesichtern gesehen zu haben. Der Tod aber kam zu allen, und zwar oft kurz nach dem Entstehen der Aufnahmen. Ein Katalog, der ausliegt, teilt nämlich das Schicksal eines jeden Seemannes kurz zusammen. Die Meisten starben in ihren Zwanzigern. Für mich nicht vorstellbar. Wir leben wieder in Zeiten, in denen der Krieg plötzlich nicht mehr weit entfernt scheint. Wie blöd die Menschheit doch ist. Sie vergisst. Und das schnell. Dass besonders die jungen Menschen sterben, ist den Putins den Buschs, den Erdogans dieser Welt offensichtlich mal wieder völlig egal. Mich macht es wütend, mit welcher Selbstverständlichkeit Kriege akzeptiert werden als wären sie Naturereignisse. Und zwar anscheinend von allen Seiten.
Genug von dunklen Gedanken. Es war ein strahlender Tag. Aber das Wetter spielt bei solchen Gedenkstätten ohnehin keine Rolle. Ich besichtigte danach die Klosterruine und den Leuchtturm. In der Ferne sah ich in Richtung Camaret, dass ich nicht erkennen konnte. Aber es war da. Doch den Point du Raz konnte ich halbwegs erkennen, weit entfernt, doch sichtbar. Es ist beeindruckend, diese Weite zu beobachten. Das Meer hat die Angewohnheit, sie herauszustellen und zu betonen.
Die Klosterruinen erinnerten mich an England. Dort gibt es auch so viele romantische Ruinen. Nur dass die Klöster dort von Henry XIII aufgelöst worden, also Jahrhunderte vorher. In Frankreich geschah es erst mit der Französischen Revolution. Der Effekt ist derselbe. Schnell werden Ruinen zu Steinbrüchen. So sind fast überall die Steine der Ruinen in den anliegenden Häusern zu finden. Barbarisch. Aber verständlich. Denn dem Kloster nutzten sie nichts mehr.
Auf dem Rückweg frischt der Wind nochmals auf. Ich muss gestehen, dass ich genug davon hatte. Irgendwann ist mal genug. Ich setzte mich in Le Conquet in eine Bar und schrieb. Manchmal muss man sich eine Pause von den Elementen gönnen. Schließlich bin ich sonst den ganzen Tag draußen. Ich habe übrigens beschlossen, noch einen Tag zu bleiben. Gerne will ich wieder in die andere Richtung also genau dann wandern. Es ist ein schöner Rhythmus.

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