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Voll zu Hause.

Es ist Frühling, die Sonnenstrahlen erwärmen die Erde, überall zeigt sich die Natur, die schon vor einigen Wochen erwacht ist, doch jetzt erst richtig auszuschlagen beginnt.
Ich will raus. Mein Schreibtisch geht mir auf die Nerven, obwohl sich die Arbeit (selbst auferlegt) stapelt. Unter normalen Umständen würde ich alles zur Seite schieben und machen, wozu ich Lust habe. Zumindest ab und zu.
Doch es ist Virus.
Wenn ich vom Fenster auf den Kreisverkehr schaue (ich wohne direkt an einem ziemlich offenen Platz in Berlin), sehe ich kaum Autos. Auch nicht viele Menschen, die wenigen aber sind beladen mit Einkaufstüten. (Update nach einem kurzen Gang zum Briefmarkenautomaten, der aus medizinischen Gründen wegen Rezeptzusendungen unaufschiebbar war: Auf dem T-Damm merkt man rein gar nichts. Alle Geschäfte haben geöffnet, die Menschen drängeln sich weiterhin auf dem Bürgersteig. Bedenklich). Schulen sind zu. Kindergärten ebenfalls. Meine Frau ist seit zehn Tagen zu Hause. Home Office. Klappt bislang gut.
Das Leben, das wir sonst kennen, fährt herunter. Alles beruhigt sich. Was gestern noch sicher schien, steht heute vollständig in Frage.
Ich bin in einer merkwürdigen Stimmungslage gefangen. Auf der einen Seite ist die Situation natürlich beunruhigend. Und das in mehrerlei Hinsicht. Gesundheitlich natürlich. Meine Frau ist aufgrund einer Neuralgie schwerbehindert. Keine Ahnung, ob sie das zur Risiko-Patientin macht. Schwiegermutter Ellen ist gerade wegen mehrerer gebrochener Wirbel aufgrund von Osteoporose operiert worden und erholt sich jetzt zu Hause. Außerdem hat sie COPD, eine fiese Lungenkrankheit. Sie ist definitiv gefährdet, eine Infektion mit dem Virus muss sie unter allen Umständen vermeiden. Mein leichtes Asthma scheint dagegen ein Klacks zu sein. Aber auch ich muss etwas aufpassen.
Auf der anderen Seite sehe ich auch Chancen für die Zukunft. Vielleicht muss das sich rasant entwickelnde Leben auch mal wieder herunterkommen. Der stetig steigende Konsum: Ist er wirklich notwendig? Sind wir nicht auch ohne glücklich? Nun, da bald die meisten Geschäfte geschlossen werden, könnten wir bald schlauer sein. Leider gibt es weiterhin Amazon, Zalando, etc., so dass Leute auch weiterhin shoppen werden. Ich bin gespannt, was diese Zeit aus uns macht. Werden wir wieder solidarischer? Oder geht es in die exakt entgegengesetzte Richtung und jeder versucht nur noch, selbst zu überleben? Hier wird sich zeigen, ob wir Zivilisation gelernt haben oder nicht.
Jedenfalls sitze ich jetzt zu Hause und möchte meinen Bewegungsradius einschränken. Nur noch wegen dringender Angelegenheiten nach draußen. Zum Einkaufen. Rezepte abholen. Mehr fällt mir eigentlich kaum ein. Gestern haben wir einige Vorräte aufgestockt. Nicht viele, aber so, dass wir mal ein paar Tage ohne Einkauf überleben können. Wir haben in den Wochen vorher schon systematisch aufgebaut, hier ein paar Konserven, dort ein Kilo Kaffee und zwei Liter Milch. So mussten wir uns nicht an den Panikkäufen der letzten Tage beteiligen, die ganze Läden leergeschwemmt haben. Traurig mitanzusehen, aber so sind Leute nun einmal. Erst kommt das große Fressen, danach die Hilferufe, wenn nichts mehr da ist. Von großer Rücksicht auf andere habe ich bislang noch nicht viel mitbekommen, aber da ich auch nicht gerade oft draußen bin, kann ich das auch nicht beurteilen. Vielleicht geschehen auch Lichtschimmer, die ich nicht mitbekomme.
So düstere Gedanken an einem sonnigen und hellen Tag, der eigentlich heiter und unbeschwert sein sollte. Aber so ist das Leben nun einmal. Manchmal geht es andere Wege. Und im Augenblick scheint das so zu sein.
Ich möchte mich ab jetzt regelmäßig melden. Stimmungslagen wiedergeben, Erlebnisse teilen, aber auch meine Gedanken formulieren. Meine Erfahrung dabei ist: Was erst einmal schwarz auf weiß dasteht, muss nicht mehr in meinem Kopf vor sich hingären. Besonders Ängste und Sorgen können auf diese Weise nicht mehr so leicht eine Eigendynamik entwickeln, die nicht gesund ist. Und ich richte auf diese Weise einen Scheinwerfer darauf, die sie ausleuchten. Und nichts mögen versteckte Ängste weniger als Aufmerksamkeit. Denn dann werden sie meist zu dem, was sie meistens sind: winzige Befindlichkeiten. Die aber lange Schatten werfen können, wenn man sie nicht anschaut.
Gerade im Augenblick scheint mir das wichtiger denn je.

Hier ein Link zum Coronavirus-Update mit Prof. Drosten.

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